Au-Pair oder Dienstmädchen? Der Alltag in meiner außergewöhnlichen Gastfamilie oder wie der erste Eindruck täuschen kann 𝐍𝐞𝐮𝐬𝐞𝐞𝐥𝐚𝐧𝐝 #𝟏𝟑

Hallo meine lieben Freunde und herzlich willkommen zurück auf meinem Blog!

Wie ihr vielleicht schon aus meinem letzten Beitrag schließen konntet, habe ich etwa Mitte Februar begonnen, als Au-Pair in einer kleinen Stadt nahe Wellington zu arbeiten. Da ich insgesamt 2,5 Monate bei meiner Au-Pair Familie, bestehend aus Gasteltern, einem Gastbruder und einem Hund, verbracht habe und diese Zeit eine komplett neue und total schräge Erfahrung gewesen ist, möchte ich euch in diesem Beitrag von meiner Zeit als Au-Pair erzählen, davon, wie das Leben als „Nanny“ für mich aussah, was ich während dieser Zeit erlebt und gelernt habe und wie es war, in eine völlig fremde Familie aufgenommen zu werden. Viel Spaß beim Lesen!

Hier könnt ihr euch vorab schon mal ein Bild von meinen alltäglichen Aufgaben machen, die mir vorher per Mail von meinem Gastvater zugeschickt wurden:

Aber von Anfang an. Nach meinem 10-tägigen Aufenthalt im Haus der Familie Lynn in Upper Hutt (hier geht’s zum letzten Post) machte ich mich auf den Weg ins etwa 20 Minuten entfernte Porirua, um meine Au-Pair Familie wieder zu treffen und mein neues Zimmer, in dem ich für die nächsten Monate leben würde, zu beziehen. In Porirua angekommen, wurde ich schon sehnlichst von Heather, Martin, Kenan und Hugo dem Hund erwartet und sofort einmal durch’s komplette Haus geführt, bevor ich die Möglichkeit hatte, meine Sachen aus dem Van zu holen und mich einzurichten. Noch am selben Tag wurde ich mit zum Strand genommen, von wo aus man sogar die Silhouette der Südinsel in der Ferne sehen konnte und hatte zum ersten Mal seit Monaten ein richtig gutes Abendessen, was aus einem Steak, von der Kuhfarm des Nachbarn stammend, selbstgemachtem Ratatouille und knusprigen Pommes bestand. Ich war im Himmel.

Bevor ich mich schlafen legen konnte, hatte ich noch einmal die Möglichkeit, gemeinsam mit Heather mit meinem neuen Au-Pair Auto zu Kenans Schule zu fahren, was nicht unbedingt daran lag, dass diese schwer zu finden war, sondern am Automatikgetriebe des kleinen silbernen Mazdas, oder viel mehr an meiner fehlenden Erfahrung damit. Obwohl der Anfang ziemlich ruckelig ablief und ich Probleme hatte, meinen linken Fuß still zu halten (man hat die Angst in Heathers Augen förmlich sehen können, als ich beim Ausparken fast den Rosenbusch überfuhr 😅), hatte ich den Dreh irgendwann raus und düste über die kurvigen Straßen, die direkt am Meer entlang führten. Nach ein paar Minuten hatte Heather auch ihre Sprache wiedergefunden und erzählte mir eine Menge über den Umzug aus Großbritannien nach Neuseeland, über die vorherigen Au-Pairs und davon, wie der Alltag der Familie so ablief und welchen Part ich darin einnehmen sollte. Anfangs war es ziemlich schwer, ihren Akzent klar zu verstehen, was ihren schottischen Wurzeln geschuldet war, aber auch daran gewöhnte ich mich schnell und war froh, mein Englisch endlich verbessern zu können, was sich durch viele deutschsprachige Reisende an jeder Ecke sonst ziemlich schwierig gestaltete.

Der nächste und erste „richtige“ Tag als Au-Pair war wahrscheinlich der, an dem ich am aufgeregtesten und der Ablauf generell am unklarsten war, denn meine erste und wichtigste Aufgabe war es, Kenan, den 15-jährigen Sohn, in seine nahe gelegene Privatschule zu chauffieren. Nachdem ich eigentlich viel zu zeitig aufgestanden war und Kenan dann schließlich bei der Vorbereitung seines Lunchs half, verließen wir das Haus pünktlich und fuhren zur Schule. Nachdem der Airbag ungefähr zehn Mal fast ausgelöst wurde bevor ich endlich wieder darauf kam, dass mein linker Fuß einfach keines der Pedalen bedienen sollte und Kenan wahrscheinlich schon kurz davor war, aus dem Auto zu springen und lieber zu laufen, wurde die Fahrt mit der Zeit immer reibungsloser und auch den Weg konnte ich so gut wie auswendig, was es mir zuließ, Kenan dabei zuzuhören, wie er mir von seiner Schule und von dem, was er später mal machen möchte, erzählte, ohne ihn ständig nach dem Weg fragen zu müssen. Ich muss zugeben, dass ich vorher etwas Angst vor dem Gedanken hatte, es könnte eine unangenehme Stille entstehen, wenn ich mit ihm alleine sein würde, aber das Gegenteil war der Fall und da er gerne und viel redete, war mir schnell klar, dass ich mir über zu wenig Gesprächsstoff definitiv keine Sorgen machen musste.

Die kommenden Tage, Wochen und Monate vergingen wie im Flug, da ich nun richtig im „Alltag“ meiner Gastfamilie angekommen war und jeder meiner Tage ziemlich ähnlich aussah. Kenan zur Schule bringen, den Hund ausführen, ein bisschen putzen, Kenan von der Schule holen, Abendessen. Und am nächsten Morgen wieder das Gleiche.

Das „Highlight“ meines Tages war dabei meistens das Abendessen. Von Risotto mit Austern und Weißwein, über Steak vom schottischen Hochlandrind in Rotweinsauce, bis hin zu Bärengulasch und Ziegencurry war alles dabei, wovon ich 90% zuvor noch nie auf meinem Teller hatte. Am Sonntag morgen hatte man schon beim Aufstehen den Geruch von selbst gebackenem, warmen Brot und Bagels in der Nase, meine Gastmutter hat oft selbst Marmelade gekocht und nach dem Abendessen gab es oftmals sogar noch einen frischen Pancake mit Apfelmus, um ihn mit auf’s Zimmer zu nehmen. In dieser Familie kam, zumindest während der Zeit, die ich dort verbracht habe, weder verarbeitetes, noch ungesundes oder extrem fettiges Essen aber dafür hochwertige, ausgewogene Mahlzeiten auf den Tisch, was, nach 6 Monaten dauerhafter Ernährung von Dosenbohnen, Nudeln und Toastbrot, eine sehr willkommene Abwechslung für mich war. Generell war mein „Arbeitsalltag“ mit allerhöchstens drei Stunden wirklicher Arbeit am Tag durchaus auszuhalten und auch sonst hatte ich ein ziemlich luxuriöses Leben mit freien Wochenenden, einem Auto und ziemlich guter Bezahlung. Ein Jackpot, wie zuvor erwartet, war diese Familie jedoch nicht.

Nach gut vier Wochen fingen meine Gasteltern und Kenan an, comfortable mit mir zu werden. Die erste Aufregung hatte sich sowohl bei mir, als auch bei ihnen gelegt und wir gewöhnten uns langsam aber sicher aneinander. Und da fing es ganz plötzlich an, unschön zu werden. Mein Gastbruder zeigte sich schlagartig von einer ganz anderen Seite, versuchte, mir Vorschriften zu machen, spülte nach dem Toilettengang nicht mehr (wir mussten uns ein Bad teilen) und nahm generell keinerlei Rücksicht mehr darauf, dass mein Zimmer direkt neben seinem lag, saugte zu unmenschlichen Zeiten sein Zimmer, knallte die Türen und begann, am Tisch hemmungslos zu rülpsen, was meine Gasteltern ganz offensichtlich noch ziemlich amüsierte. Ich wiederhole es gerne nochmal, falls ihr es am Anfang übersehen habt: Er war zu dem Zeitpunkt 15 Jahre alt. 

Nach dem Essen wurde ich nicht nur einmal mit einem Berg von Geschirr allein in der Küche gelassen, während es sich meine Gasteltern inzwischen auf dem Sofa gemütlich machten, oder mir einfach dabei zusahen, wie ich riesige Töpfe aus Blei abspülte. Da verging mir auch die Freude am guten Essen. Im Zimmer zu bleiben war ein absolutes No-Go, meiner Gastmutter zu urteilen sollte ich lieber raus gehen und etwas unternehmen, statt faul im Bett herum zu liegen. Und das am besten den ganzen Tag lang.

Long story short, es wurde auch in den restlichen 1 1/2 Monaten nicht besser, woraufhin ich mich entschied, die Familie 3 Wochen eher zu verlassen, als geplant. Zum Zeitpunkt dieser Entscheidung muss ich ehrlich sagen, habe ich mich absolut fehl am Platz und wie eine Putzfrau gefühlt, die definitiv kein Teil der Familie, sondern eben wirklich nur eine Haushaltskraft ist, die die Launen der Eltern nach einem 12-stündigen Arbeitstag und das Verhalten eines 15-jährigen, rotzfrechen und anstandslosen Jungens tolerieren und aushalten muss.

Zum Schluss habe ich mich jeden Tag darauf gefreut, nach dem Essen endlich in mein Zimmer gehen zu können und die Tür zu schließen (was bei meinen Gasteltern übrigens gar nicht gern gesehen war, tschüss Privatsphäre), habe mich gefreut, wenn morgens um 7 Uhr die Haustür ging und ich wusste, sie sind zur Arbeit gefahren und habe die Tage gezählt, die noch übrig waren, bevor ich endlich weiterreisen konnte. Zwischendurch habe ich sogar vergessen, warum ich eigentlich nach Neuseeland gekommen war, nämlich nicht, um in genau so einer scheinbar ausweglosen, unglücklichen und eingeengten Situation zu sein, sondern um meine Zeit hier zu genießen und mich fern von gestressten Leuten mit eintönigen Leben und einer unzufriedenen Grundstimmung zu halten. Ich frage mich noch immer, wie ich in diese Situation geraten konnte, wo die Familie am Anfang doch so nett auf mich gewirkt hat und es keinen Auslöser gegeben hat, mit dem ich mir diese plötzliche Veränderung hätte erklären können.

Nichtsdestotrotz gab es einen, der mir ziemlich sehr ans Herz gewachsen ist, nämlich Hugo, der Familienhund. Mit ihm habe ich die meisten meiner Nachmittage verbracht, um an den Strand zu gehen, mit ihm zu spielen oder das ein oder andere ausgedehnte Mittagsschläfchen gemeinsam im Bett zu halten.

Natürlich hätte ich mir denken können, dass eine Familie, die eine Nanny für einen 15-jährigen Jungen braucht nicht normal sein konnte und es mit über 30 (!) Au Pairs in nur 10 Jahren überhaupt nicht möglich war, eine innige Beziehung mit jedem der Mädchen und Jungen aufzubauen, trotzdem war ich ziemlich enttäuscht davon, wie sich die Beziehung zwischen mir und meiner Gastfamilie entwickelt hat, da ich zum Schluss für sie nur eine von vielen war, die bestenfalls ihre freie Zeit nicht stören sollte und von ihrer Seite keinerlei Interesse an meinem Leben existierte, obwohl sie als einen der Gründe, wieso sie fremde Menschen aufnehmen würden, ihr großes Interesse am Austausch mit anderen Kulturen nannten. Der war gut.

Letztendlich waren besonders die letzten Wochen ein einziges „nebeneinander herleben“ und am Ende waren wir uns nach fast 3 Monaten noch genauso fremd, wie am Anfang.

Die traditionelle Einladung des Au-Pairs zum Essen am letzten Abend und ein erzwungenes, teures Geschenk machten die ganze Situation nur noch viel unangenehmer, da es sich unheimlich aufgesetzt und falsch anfühlte und meine Gasteltern sichtlich genervt davon waren, mich zum Essen ausführen zu „müssen“ (kurz davor fingen sie sogar noch einen heftigen Streit an, da mir niemand überhaupt Bescheid gesagt hatte, wann mein Dinner stattfinden sollte. Super angenehm.), dass ich mich umso mehr auf den nächsten Morgen freute, an dem ich endlich ausziehen konnte und das dann auch, ohne der Familie eine einzige Träne hinterher zu weinen, tat.

Trotz, dass ich gut versorgt wurde, im Generellen eine Menge Freiheiten hatte und mich, was meine Arbeit angeht, kaum beklagen konnte, hätte ich mir doch schon gewünscht, etwas mehr am Familienleben teilhaben zu können und einfach etwas mehr wie ein richtiges Familienmitglied behandelt zu werden. Leider kommt aber nicht alles immer so, wie man es sich wünscht. That’s life. Und auch, wenn ich mich nicht immer wohlgefühlt habe, erinnere ich mich gerne daran zurück, da ich trotzdem eine gute Zeit hatte, mir einmal mehr vor Augen geführt wurde, dass viel Geld nicht gleich bedeutet, glücklich zu sein und ich letztendlich trotzdem viele Dinge gelernt habe, unter Anderem auch, dass man sein Kind komplett verziehen und verwöhnen kann und man einen Hund mit Rastalocken niemals frei am Strand herumlaufen lassen sollte, wenn man ihn danach wieder ins Haus nehmen will. Immerhin etwas.

Von der guten Seite meines Lebens als Au-Pair, nämlich freie Wochenenden und die Möglichkeit zu haben, den ein oder anderen Roadtrip zu starten, erzähle ich euch beim nächsten Mal!

Bis dahin,

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