Schon bei unserer Ankunft und dem ersten Blick in das winzig kleine, muffige, dunkle Zimmer unseres „auserwählten Hostels“, die quietschenden Holzbetten und die einer Gefängniszelle ähnelnden Duschen, hatte ich ein ganz komisches Gefühl. Unglücklicherweise hatten wir zu diesem Zeitpunkt aber schon für eine Woche im Voraus bezahlt (Lektion gelernt) und wussten nicht so recht, was wir tun sollten. Also fuhren wir zu einem anderen Hostel und fragten dort nach den Preisen und den Chancen, schnell einen Job zu finden. Direkt auf den ersten Blick war für mich klar, dass das zweite Hostel seinem Preis gerecht werden konnte; es war sauber, es gab große, geräumige Bäder, man musste nicht ständig raus und rein um zur Küche oder zur Toilette zu gelangen UND ein Doppelzimmer ohne lästige Mitbewohner kostete nur $30 mehr, als das stinkige, alte 6 Bett-Zimmer in Hostel Nummer 1.

Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte ich direkt mein Geld zurück verlangt und wäre in das zweite Hostel gezogen, da Helena dem ersten aber doch eine Chance geben wollte und wir dieses ja eben sowieso schon bezahlt hatten, verbrachten wir eine Nacht dort. Ein großer Fehler, wie sich schon am Abend herausstellte. Mein Bett wurde bis 6 Uhr nicht bezogen, ich hatte bis zu dem Zeitpunkt, an dem ich erneut zur Rezeption gegangen bin und erneut nachgefragt hatte, kein Kissen und am nächsten Morgen passierte auch noch das, was das Klischee eines richtig schlechten Hostels nur noch bestätigt: in meinem Schrank waren mindestens 1000 Ameisen, die, als ich im Dunkeln meine Sachen aus dem Schrank holte, langsam an meinen Armen heraufkrabbelten, bis ich es merkte, meine Sachen packte und wir das Weite suchten.

Wenige Stunden später bezogen wir unser zwar nicht wirklich geräumiges, aber zumindest ruhiges (bis auf den Lüfter, der sich genau vor unserem Fenster befand und aller 3 Minuten lautstark anfing, zu arbeiten) Zimmer im Rotten Apple Backpacker’s , in dem uns für die nächste Woche eingebucht hatten.

Noch am selben Tag bekamen wir die Kontaktdaten von zwei unterschiedlichen Apfel-Packhäusern, fuhren diese an und bewarben uns, indem wir nur einen Zettel ausfüllten und wieder abdampften. Wenn es nur immer so einfach gewesen wäre, einen Job zu finden. Da uns erst am Anfang der nächsten Woche Bescheid gegeben werden konnte, ob es mit der Stelle als Grader (also demjenigen, der am Band steht und die Äpfel nach einem bestimmten Qualitätsstandard hin prüft) klappt, oder eben nicht, hatten wir das ganze Wochenende Zeit, uns seelisch und moralisch auf das Arbeitsleben vorzubereiten, was letztendlich tausendmal schlimmer war, als wir es uns jemals erträumt hatten.

Am Montag Nachmittag hatten wir dann einen Termin für eine Art Briefing und wurden im größeren der beiden Packhäuser, bei denen wir uns beworben hatten, herumgeführt, in die Arbeits- und Pausenzeiten eingeweiht und konnten, zu unserer beider Überraschung, am Ende der Einführung direkt einen Vertrag unterschreiben, in dem der nächste Tag direkt als unser erster Arbeitstag angegeben war. Als die Frage im Raum stand, ob wir uns für die Tag- oder die Nachtschicht eintragen wollten, entschieden wir uns letztendlich (wenn auch nicht komplett einstimmig 😄) für die Nachtschicht, da mir der Gedanke, zumindest ein bisschen Sonnenlicht zu Gesicht zu bekommen, besser gefiel, als der, von Sonnenauf- bis -untergang in der Fabrik zu stehen und komplett zu verblöden.

Also machten wir uns schon am nächsten Tag auf den Weg zum Packhouse, um unsere erste Schicht anzutreten. Diese bestand erst einmal nur daraus, unseren Fingerabdruck ins System für die An- und Abmeldung aufnehmen zu lassen, unsere Arbeitskleidung entgegenzunehmen und ein Foto für unsere ID machen zu lassen. Nachdem wir mit dieser ganzen Prozedur endlich durch waren, ging auch schon direkt in die Halle. Haarnetz auf, Hände desinfizieren und schon kamen die Äpfel gerollt und, ohne wirkliche Einarbeitung, sondern nur mit ein paar kurzen Anweisungen von allen Seiten, fingen wir an, die roten Äpfel auszusortieren, in verschiedene Kartons zu legen, diese zu Stapeln und letztendlich ans Ende des Bandes zu befördern, wo jemand anderes sie dann in ein Paket lud und Richtung Abholstation beförderte.

Ziemlich genau so sahen dann die nächsten 6 Tage auch aus, nur mit dem Unterschied, dass man zwar jeden Tag eine Sache mehr dazu lernte, sie besser verstand und inzwischen schon richtig schnell und produktiv wurde, aber auch jeden Tag ein weiteres Körperteil dazu kam, das schmerzte und sich anfühlte, als würde es jeden Moment abfallen. Insgesamt 10 Stunden verbrachten wir jeden Tag im eiskalten Packhouse, davon hatten wir zwei halbstündige Pausen (die sich eher wie zwei Mal fünf Minuten anfühlten) und rackerten uns nicht nur, sondern froren uns auch komplett den Arsch ab, sodass wir, als wir gegen 3 Uhr Nachts wieder im Hostel ankamen, uns nur noch in Embryonalstellung in unser warmes Bett legen konnten und uns nicht mehr vom Fleck bewegten.

Generell hatten wir während dieser Woche kein Leben, denn das, was man sonst wahrscheinlich als solches bezeichnen würde, bestand aus Schlafen, Essen vorbereiten, auf Arbeit fahren, wieder Schlafen. Kurzgesagt: es war schrecklich. Mit der Umstellung auf die Nachtschicht hatte ich keine großen Probleme, dafür aber damit, dass mir spätestens während der zweiten Hälfte der Schicht unfassbar die Füße, der Rücken und die Hände schmerzten (die Äpfel waren eiskalt, als sie auf’s Band fielen und wir durften aus Hygienegründen keine Handschuhe tragen) und ich mich wirklich nur noch mit dem Gedanken an das Geld, was ich gerade verdiente und einem Podcast über Ameisenbären im Ohr davon abhalten konnte, alles hin zu schmeißen und zu flüchten.

Teilweise fielen die Äpfel so schnell auf’s Band, dass man sich, aufgrund der Unterbesetzung der gesamten Schicht, um mehr als drei Bänder kümmern musste, damit die Äpfel nicht alle herunterfielen. Mit einer genauen Kontrolle und „jeden Apfel um 360 Grad drehen“ war da nicht mehr viel zu machen. Generell kann man sagen, dass man, wenn man 9 Stunden durchgängig nur Äpfel in Neonlicht sieht, einfach gaga wird und man tatsächlich nur noch kopflos am Band steht und arbeitet, ohne eigentlich zu wissen, was man da gerade tut. In den letzten Nächten habe ich sogar von Äpfeln geträumt. Mein einziger Lichtblick, während jeder Schicht, war ein dicker Junge, der aus seiner Bauchtasche Süßigkeiten zauberte und sie an alle verteilte. Du bist mein Held.

Demzufolge war die Erleichterung und Freude riesengroß, als wir unsere letzte Schicht beendet hatten und uns einfach nur noch darauf freuten, unser Gehalt zu bekommen und danach hoffentlich nie wieder etwas vom Packhouse hören zu müssen. Und trotzdem muss ich sagen, dass ich froh bin, diese Erfahrung gemacht zu haben. Aus erster Hand zu wissen, welche Prozedur die Äpfel durchlaufen und was arbeitsmäßig eigentlich dahinter steckt, bevor sie bei uns im Supermarkt landen, war wirklich interessant und erschreckend zugleich. Dieser Job ist wirklich einer der unterbezahltesten und vor allem unterschätztesten Jobs in der Lebensmittelindustrie und ich habe vollsten Respekt vor den Leuten, die diese Apfel-Schocktherapie länger als drei Wochen durchhalten. Von Äpfeln habe ich auf jeden Fall erstmal die Schnauze voll und ich schwöre, ich werde mich nie wieder darüber beschweren, wenn einer der Pink Lady’s im Supermarkt nicht makellos ist, sondern die ein oder andere Druckstelle hat. Vielleicht habe ich ihn ja sogar kontrolliert. Oder eben auch nicht.

Leider war die Umstellung zurück ins „normale Leben“ schwieriger als gedacht, und neben dem Fakt, dass ich noch Tage danach nur beim Gedanken daran, wieder im Packhouse arbeiten zu müssen, instant Rückenschmerzen bekam, hatten wir noch einige Nächte lang ziemliche Schlafprobleme und fühlten uns permanent, als hätten wir die Nacht zuvor zu viel getrunken.

Nachdem wir uns halbwegs körperlich und geistig von dieser Woche erholt hatten, trennten sich, zumindest vorerst, Helena’s und meine Wege und ich verbrachte noch ein paar wenige Tage im Working Hostel, von dem aus ich mich dann auf den Weg zur Halbinsel Coromandel machte. Eigentlich hatte ich geplant, einmal quer rüber an die Westküste zu fahren, da diese Route nun mal viel naheliegender und einfacher gewesen wäre, nur leider machte mir das Wetter, oder zumindest die Wettervorhersage, einen fetten Strich durch die Rechnung, da für die nächste Woche Daueerregen angezeigt war, der auf eine 9000 km großen Antizyklone zurück zu führen war, die sich Neuseeland langsam aber sicher nähern sollte. Der Osten der Nordinsel sollte für die nächsten Tage von Regen, Nebel und Kälte aber noch verschont bleiben, weswegen ich mich eben dafür entschied, der Coromandel Peninsula den Vortritt zu lassen und die letzten Sonnenstrahlen vor dem Wintereinbruch zu genießen. Und schon mal vorweg: es hat sich gelohnt!

Bis zum nächsten Mal,

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