Bevor ich mich dann mit einem (wieder) vollen Geldbeutel auf den Weg auf die über 400 Kilometer entfernte Halbinsel Coromandel machte, tuckerte ich an meinem letzten Abend in Hastings noch einmal die grenzwertig kurvige und schmale Straße zum Te Mata Peak hinauf, einem Berggipfel, von dem aus atmeberaubende Ausblicke über verschiedene Bergketten und Hawke’s Bay, bis hin zum Pazifik versprochen wurden – und ich wurde, einmal mehr, natürlich nicht enttäuscht. Ein Hoch auf die Natur.

Kleine Hintergrundinfo zu diesem Ort: Kurz gefasst soll die Leiche des Riesen Te Matas einer Maori-Legende zufolge den Berg geformt haben, als er beim Versuch, sich durch die Bergkette zu beißen, um der schönen Hinerakau seine Liebe zu beweisen, an einem Stück Land erstickte und dabei zu Grunde ging. Total romantisch.

selbst den Pazifik kann man von diesem Punkt aus sehen

Auf dem Berg selbst herrschte trotz des Windes eine unglaubliche Ruhe, die etwas Mystisches, fast schon Bedrohliches hatte. Als die Sonne dann weiter unterging und letztendlich völlig hinter den Hügeln verschwunden war, konnte man nur noch auf einem der Felsen verweilen und sich das wunderschöne Farbenspiel zwischen Sonne und Wolken auf der Zunge zergehen lassen. Dafür nehme ich doch gerne die Strapazen einer ewig langen Serpentine, auf der ich mindestens 5 Mal dachte, mein letztes Stündchen hat geschlagen, auf mich. Nach unten ging es dann immerhin doppelt so schnell.

Am nächsten Morgen verabschiedete ich mich dann schließlich vom schönen Hastings, wobei ich die nicht so schönen Erinnerungen an den grausigen Arbeitsalltag mit gutem Gewissen hinter mir ließ und mich auf den Weg ins kleine Strandörtchen Whangamata machte. Nach fast zwei Wochen war ich damit endlich wieder on the road. YAYYYY!

Dort verbrachte ich seit Langem wieder einmal eine Nacht allein auf dem Campingplatz, was doch ein ziemlich ungewohntes Gefühl war, dass aber schnell in Zufriedenheit und Ruhe überging, als ich eingekuschelt in meinem gemütlichen Bett lag und mich schon auf den nächsten Tag freute, an dem ich eine kleine Kajaktour zu einer abgelegenen Insel geplant hatte. Leider wurde daraus nichts, denn als ich am nächsten Morgen am Strand stand und die übergroßen Wellen sah, wie sie im Sekundentakt an den Strand rollten, war mir doch nicht mehr nach Solo-Kajaktour im offenen Ozean zumute, weshalb ich mich dann schweren Herzens (der Strand in Whangamata war wirklich unheimlich schön!) auf den Weg ins kleine, charmante Fischerörtchen Hahei machte, wo ich an einem kleinen Imbisshäuschen die wahrscheinlich besten Fish n‘ Chips überhaupt bekam, die ich mir später am Strand, umgeben von mindestens 100 irre dreinschauenden Möwen, gönnte. 😎

Bereits an meinem ersten Stop auf der Coromandel Peninsula, den ich auf dem Weg nach Hahei am Fuße des Mount Paku eingelegt hatte, wurde mir klar, wieso die Halbinsel einen so guten Ruf unter Reisenden hatte: blaue, glasklare Buchten, weiße, ewig lange Sandstrände und grüne Gebirgszüge so weit das Auge reichte. Auch das Klima wurde plötzlich wärmer und feuchter und obwohl ich nur ein paar Kilometer nördlich gefahren war, war der Unterschied zur Ostküste, zumindest was die Landschaft und das Maß an Abgeschiedenheit und Ruhe anging, wie Tag und Nacht.

Touristenhotspots, wie die weltbekannte Cathedral Cove, die das Portal nach Narnia im gleichnamigen Film darstellt, waren natürlich trotzdem hoffnungslos überlaufen und obwohl ich erst ziemlich spät am Abend los gelaufen war, um den Sonnenuntergang zu sehen und die Menschenmassen zu meiden, hatte ich den kleinen, malerischen und von riesigen Felsen gesäumten Strandabschnitt leider trotzdem nicht für mich allein. Aber das wäre auch wie ein Sechser im Lotto gewesen.

Nichts desto trotz war ich überwältigt von der Schönheit dieser versteckten Bucht und fand letztendlich zwischen den vielen kleinen Grotten, die man nur bei Ebbe erreichen konnte, sogar eine kleine Höhle, die ich den Großteil der Zeit mit niemand anderem teilen musste. Und dann noch diese riesigen, einsamen Felsbrocken mitten im Wasser, das so schön klar und ruhig war, der goldene Sand und die langsam untergehende Sonne, die alles in ein warmes, violettes Licht hüllte. Einfach Zauberhaft.

Den restlichen Abend verbrachte ich am Strand, lief später im Dunkeln zurück zum Campingplatz, kochte mir in meinem stockfinsteren Kofferraum ein paar Nudeln und freute mich einfach nur darüber, gerade an diesem wunderschönen Fleckchen Erde zu sein.

Bevor ich mich dann innerhalb der nächsten Tage auf den Weg zur nördlichen Spitze der Halbinsel machen wollte, dachte ich, es sei eine gute Idee, sich Schnorchel und Taucherbrille auszuleihen, um die vielen wunderschönen Buchten in dieser Gegend unter der Oberfläche zu erkunden. Leider viel dieser Plan buchstäblich ins Wasser, da ich letztendlich 3 Stunden warten musste, bis die Dame, die den wohlgemerkt einzigen Tauchshop des Ortes führte, von ihrem Trip in eine andere Stadt zurückkam, nur um mir für $45 das volle Paket an Schnorchelausrüstung, inklusive Wetsuit und Flossen, auszuleihen und am Ende exakt 2 Fische zu sehen. Wofür ich mich eine Stunde lang im eiskalten Pazifik in voller Montur habe treiben lassen. 😄

Ein bisschen enttäuscht, aber der vollen Überzeugung, einfach nur zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen zu sein, machte ich mich am Tag darauf voller Motivation auf den Weg zum nördlichen Zipfel Coromandels.

Nach einer extrem langen, holprigen und scheinbar nicht enden wollenden Fahrt durch den völlig von der Zivilisation abgeschotteten Coromandel Forest Park, über schlecht instand gehaltene Schotterstraßen und durch kilometerlange Funklöcher, fand ich mich letztendlich am Ende der letzten Straße, die dort hinauf führt, auf einem kleinen idyllischen Campingplatz am Stony Bay wieder. Ich war offiziell am Arsch der Welt angekommen.

Keine Menschenseele war zu sehen, mein Handy zeigte schon seit Stunden „No Service“ an und das Einzige, was dieser Campingplatz hatte, war ein Plumpsklo (was aber wirklich sehr sauber war und innen angenehm tropisch roch) und eine Entenfamilie, die mir die nächsten 24 Stunden auf Schritt und Tritt folgte. Betty stellte ich direkt am Meer ab und bezahlte die „Miete“ von $8 für die eine Nacht, die ich auf dem Campingplatz verbringen wollte, indem ich ein Zettelchen ausfüllte, das Geld hineinlegte und es in den kleinen Schlitz der Bezahlvorrichtung warf. Neuseeländer sind so herrlich einfach.

ignoriert einfach die fehlende Radkappe, die muss mir irgendwann während der Fahrt abgeflogen sein 😄

Diesmal hatte ich aber leider nicht das Wetter auf meiner Seite und kurz nach meiner Ankunft, bei der die Sonne noch schien, begann es heftig zu regnen, so heftig, dass die Entenfamilie Schutz unter meinem Van suchte und ich immer nur ein lautes Knacken hörte, als sie versuchten, den Dreck von meinen Rädern abzuknabbern. Vielleicht hab ich sogar versucht, sie in meinen Fußraum zu locken, weil sie mir so leid taten. Aber nur vielleicht. 🤫

Irgendwann zog aber auch dieser Sturm vorbei und machte den Himmel wieder frei, sodass man sogar die Milchstraße sehen konnte. Und Leute, ihr könnt euch nicht vorstellen, wie weit mir die Kinnlade heruntergefallen ist, als ich auf dem Weg zum Plumpsklo nach oben schaute und sah, was sich dort abspielte. Ich war tatsächlich so weit von jeglichen Lichtquellen entfernt, dass man Millionen von Sternen am Himmel leuchten sehen konnte, inklusive der Milchstraße in ihrer vollen Pracht. Ich bin ja sonst kein Weichei, aber ich fand es in dem Moment tatsächlich schwer, mir die Tränen zu verdrücken.

Obwohl ich die Vorstellung anfangs ziemlich gruselig fand, irgendwo allein in einem isolierten Teil der Halbinsel zu sein, ohne Netz und nicht wirklich vorbereitet auf diese Situation, war das eine der schönsten Erfahrungen, die ich jemals gemacht habe. Am nächsten Morgen bin ich aufgewacht, habe gemeinsam mit meiner Entenfamilie gefrühstückt, die Ruhe genossen, das Meer direkt vor mir und die mit dichtem grünen Wald bedeckten Berge hinter mir beobachtet und war einfach nur furchtbar glücklich.

Auch, wenn es an diesem Morgen so stürmig war, dass mir die Cornflakes aus der Schale geflogen sind (kein Witz), entschied ich mich dafür, den Vormittag auf dem Coromandel Coastal Walkway zu verbringen, so lange das Wetter noch gut war. Ohne wirkliches Ziel und solange ich Lust hatte, lief ich los, kletterte auf hoch gelegene Aussichtspunkte und durch dichtes Gestrüpp, nur um jedes Mal wieder überwältigt von der Aussicht auf blaue Buchten und kleine, unberührte Inselchen zu sein. Da ich so früh dran war, begegnete ich, zumindest auf dem Hinweg, keinem anderen Menschen, sodass ich das Vogelgezwitscher und das Rauschen des Wassers ganz für mich allein und ohne nerviges Geplapper im Hintergrund genießen konnte. Selbst Tausende von lästigen Mücken konnten nicht an meiner guten Laune rütteln und ich würde noch heute sagen, dass dieser Teil Neuseelands ein echter Geheimtipp und eines meiner absoluten Highlights gewesen ist.

Der kurze Trip, der mich unerwarteter Weise mitten ins Nirgendwo geführt hat, war wie Balsam für meine Seele. Die Notwendigkeit, das Handy beiseite zu legen und das zu genießen, was um einen herum passiert, sich wie eine alte Frau zu freuen, kleine Enten mit Toast zu füttern und zu verstehen, dass das Leben dort beginnt, wo das Bekannte und der Komfort des Alltages aufhört und man gar nicht so viel zum glücklich sein braucht, wie man vielleicht denkt, hat mir so gut getan, sodass ich am Ende des zweiten Tages im Norden der Halbinsel total entspannt und glücklich die grausam raue Rückfahrt über 20 Kilometer Schotter auf mich nahm und auch, wenn ich nicht nur ein Mal nicht mehr von der Stelle kam, weil meine Räder durchdrehten, mich einfach nur freute, hier sein zu können.

den beschriebenen Stein habe ich übrigens an einem der Aussichtspunkte gefunden! So eine süße Idee.

Bevor es dann noch nördlicher gehen sollte mit dem Ziel des nördlichsten Punktes ganz Neuseelands, brauste ich zuerst einmal wieder zurück in den Süden, wo die Wiedervereinigung mit Helena, ein paar schöne Tage an der Westküste und eine ziemlich teure anstehende Reparatur meines Vans auf mich wartete. Bleibt also gespannt und bis zum nächsten Mal,

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