Unsere Route:

Nachdem wir Taupo verabschiedet hatten, machten wir uns gemeinsam auf den Weg ins 80 Kilometer entfernte Rotorua, das wegen seiner extrem hohen geothermalen Aktivität auch „kochende Stadt“ genannt wird.

Durch viele steile Hügel kamen wir nur langsam voran und merkten nicht, wie sich während eines Teils der Strecke, auf dem es keine Überholmöglichkeiten gab, ein langer Stau anderer Autos hinter uns aufbaute. Anna fuhr vor uns, was den Anschein machte, sie wäre derjenige, die den Verkehr aufhielt, obwohl wir es eigentlich waren, die nicht schneller als mit 30 km/h den Berg hinauf fuhren konnten. Scheinbar meinte es das Schicksal an diesem Tag nicht gerade gut mit uns und so näherte sich langsam ein Polizeiwagen mit Blaulicht von hinten, bis er Anna schließlich dicht auffuhr und sie herausnahm. Man muss dazu sagen, dass man in Neuseeland immer mal wieder Fahrbahnabschnitte hat, auf denen es keine Spuren zum Überholen gibt, diese aber nur in sehr abgelegenen Gegenden länger als 5 Kilometer lang sind. Es wäre also sicherlich während der nächsten 2, 3 Kilometer eine Überholspur gekommen, auf der wir dann natürlich auch gehalten hätten, um alle anderen vorbei zu lassen.

Anna jedenfalls fand das Ganze gar nicht komisch und auch Helena und ich waren ein bisschen geschockt, als uns einer der Cops (wir waren natürlich kurze Zeit später auch links ran gefahren, um die Situation aufzuklären) erklärte, dass uns zu langsames Fahren 150 $ kosten würde. Als wir ihm dann aber erklärten, dass wir in einem offensichtlich sehr alten Van unterwegs waren, daher wirklich nicht schneller konnten und er mein extra für solche Situationen angebrachtes „Slow AF, sorry!“ Schild gesehen hatte, ließ er uns weiter fahren. Dass während des Gesprächs aber LKWs mit 130 an uns vorbei rasten, obwohl das weder erlaubt, noch der kurvigen Straße entsprechend sicher war, interessierte keinen. Neuseeland eben. 😄

Nach dem kleinen Schock und der ungewollt langen Fahrt kamen wir entsprechend erschöpft in Rotorua an, wo wir die nächsten Tage bei einer Bekannten von Helena verbringen sollten, die eigentlich nur zur Miete bei einem Pärchen wohnte, uns aber für die Zeit, die wir in Rotorua verbringen wollten, das Gästezimmer klar machte. Ziemlich beeindruckt davon, wie groß das Haus und wie gastfreundlich die beiden Neuseeländer eigentlich waren, 3 Fremde bei sich aufzunehmen, packten wir unsere Sachen aus dem Van und schliefen in dieser Nacht wie auf Wolken, da wir das erste Mal seit Ewigkeiten wieder mal eine Nacht in einem weichen, gemütlichen Bett verbringen konnten.

Während der nächsten Tage machten wir immer mal wieder kleinere Ausflüge innerhalb Rotoruas (übrigens hatte es schon auf der Hinfahrt überall nach gammligen Eiern gerochen und je nach Tageszeit konnte man den extrem fauligen, für Rotorua charakteristischen Schwefelgeruch sogar drinnen riechen) und schauten uns unter anderem die mächtigen Redwoods an und machten den Redwoods Treewalk, bei dem man über lange, wackelige Hängeseilbrücken in 20 Metern Höhe von einer Plattform zur anderen lief. Als es dunkler wurde, gingen dabei überall kleine Laternen an und innerhalb kürzester Zeit leuchtete der ganze Wald, in dem teilweise fast 120 Jahre alte Bäume standen, in den verschiedensten Farben.

Natürlich konnten wir uns auch nicht die zahlreichen Parks und Sehenswürdigkeiten, in denen man die verschiedensten geothermischen und vulkanischen Aktivitäten beobachten konnte, entgehen lassen. Ganz oben auf unserer Liste stand das „Wai-O-Tapu“ Thermal Wonderland, in dem es von ausbrechenden Geysiren, über brodelnde Schlammtümpel bis hin zu regenbogenfarbigen Thermalquellen alles gab, was man sich überhaupt vorstellen kann.

Die eigentliche Hauptattraktion des gesamten Parks war aber wahrscheinlich der Champagne Pool, der, mit seinen bunten Farben und der immerzu darauf liegenden, nach faulen Eiern stinkenden Schwefelwolke (in der ich kurzzeitig komplett orientierungslos gefangen war), so ziemlich alles andere in den Schatten stellte.

Die ganze Zeit über bewegte man sich auf einem unheimlich aktiven Teil der „Taupo Volcanic Zone“, einem 350 km langen Vulkangebiet, das sich vom Tongariro Nationalpark bis zum aktiven Vulkan auf White Island zieht und obwohl man sich innerhalb der Touristenscharen und der abgezäunten Bereiche ziemlich sicher fühlte, war es doch auch schon ganz schön verrückt, dass es unter den eigenen Füßen permanent blubberte, zischte und rumorte.

Auf dem Rückweg stoppten wir dann am Kerosene Creek, einer etwa 30-35 Grad warmen Reihe von Wasserfällen, die von einer heißen Quelle mit dem trüben, etwas muffigen aber angenehm warmen Wasser versorgt wurden. Letztendlich wurde dieser Spot zu einer meiner liebsten Orte in Neuseeland; irgendwie hatten die Sonnenstrahlen, die durch den dichten Regenwald hindurch fielen und der Dampf, der aus der warmen Quelle aufstieg, etwas Magisches und am Liebsten hätte den restlichen Tag dort verbracht.

Am Tag darauf hatten wir aber schon früh am Morgen Großes geplant, denn als wären die letzten Tage nicht schon abenteuerlich genug gewesen, ging es für uns zum Grade 5 White Water Rafting, was damit verbunden war, den höchsten für das Rafting zugänglichen Wasserfall der Welt hinunter zu fahren. Standard.

Kleiner Disclaimer: Grade V¹ bedeutet so viel wie „äußerst schwierig“, der Weg besteht aus „extremen Wirbeln, Walzen und Presswasser“ und das Flussbett ist „eng, hat hohe Gefällstufen und schwierige Ein- und Ausfahrten“ und ist der vorletzte Grad auf der Schwierigkeitsskala des Wildwasserraftings. Danach kommt nur noch die „Grenze der Befahrbarkeit“ mit „hohem Risiko“. Schön dass uns das erst im Nachhinein richtig bewusst geworden ist. 😄 Wahrscheinlich war es auch besser so.

Los ging es mit einer Art Einführung, während der wir all unser Gear bekamen, was aus einem dicken Fleecepulli, einem Wetsuit, einer wasserfesten Jacke und Wasserschuhen bestand. Wir lernten, wie wir uns zu verhalten haben, wenn das Boot umkippt und das gesamte Gewicht des Rafts auf uns lastet und nach zahlreichen Übungen, sich schnell zu ducken, sich festzuhalten und danach direkt wieder aufzustehen und weiter zu paddeln, hievten wir es auf einen Anhänger und liefen zum Kaituna River, wo der Ganze Spaß beginnen sollte.

Nach nur wenigen Metern überraschte uns die erste Stromschnelle, deren enorme Kraft uns direkt an eine der Felswände trieb. Von dort aus ging es dann richtig los, bald kam der erste, etwa 2,5 m hohe, Wasserfall, den wir ziemlich schräg hinunter fielen. Und es wurde immer verrückter.

und schon wieder bin ich mit dem Kopf meines Vordermannes zusammengestoßen 😄

Während der nächsten Stromschnellen und kleineren Wasserfälle wurden wir immer besser darin, schnell zu reagieren, das Paddel nicht zu verlieren und das Gesicht schnell und sicher in den Knien zu verstecken. Und nach einem noch steileren Wasserfall, bei dem wir schon ordentlich Wasser schluckten, war es soweit und wir standen an der Kante des berühmten 7 Meter Wasserfalls und warteten auf das Kommando unseres Guides, los zu paddeln. In dem Moment, als er in seine Trillerpfeife blies, fingen wir aus aller Kraft an, zu rudern und kamen dem Abgrund, diesmal aber Gott sei Dank nicht so schief, immer näher. Kurz darauf kippte das Raft und wir tauchten senkrecht komplett in das eiskalte Wasser ein. Ein paar Sekunden länger als geplant hielt uns der Strudel des Wasserfalls unter seiner Kontrolle und es fühlte sich an, als wären wir eine halbe Ewigkeit unter Wasser gewesen.

Als wir endlich wieder auftauchten, war irgendetwas anders. Das halbe Boot war leer. Während des Absturzes waren fast alle aus dem Boot gefallen, nur Helena, ein anderer Typ und ich waren übrig geblieben. Und der Moment, in dem wir das realisierten, war brillant.

Ziemlich belustigt konnten wir dann nur noch dabei zu schauen, wie alle anderen versuchten, gegen den Strom an zu kommen und wieder zurück ins Boot zu gelangen, was sich offensichtlich als weitaus schwieriger erwies, als man vielleicht im ersten Moment erwarten würde. Als es alle wieder zurück ins Boot geschafft hatten, paddelten wir ein Stückchen weiter, bis wir an einen kleineren, aber ziemlich verstrudelten Wasserfall kamen, an dem wir alle aus dem Raft aussteigen sollten, um diesen hinunter zu schwimmen. Einfach so.

Es hat mich eine Menge Überwindung gekostet, mich auf das Signal der Trillerpfeife hin in das 10 Grad kalte Wasser zu stürzen, in dem ich kaum atmen konnte, weil es so verdammt kalt war. Mittlerweile kam es aber sowieso nicht mehr darauf an, nass zu werden oder etwas noch Verrückteres zutun, also schwammen wir alle nacheinander den Wasserfall hinunter; mit dem Kopf zu erst.

Eine Sache hatte unser Guide aber noch auf Lager, um auch den letzten klitschnass zu bekommen. Ganz vorsichtig fuhren wir an einen flachen Wasserfall heran, um auf den letzten Zentimetern aus aller Kraft zu paddeln, bis sich das Raft langsam fast senkrecht nach oben stellte. Plötzlich befand es sich in einem Zustand, in dem es in dem Wasserfall gefangen war und wir wie auf einer Welle darauf surften. Man hatte das Gefühl, es könnte jeden Moment kippen, wurde ständig von einem riesigen, eiskalten Schwall Wasser komplett durchnässt und trotzdem hatten wir den Spaß unseres Lebens. 😄

Obwohl ich letztendlich ein halbes Schädel-Hirn-Trauma hatte, weil ich so oft mit irgendwelchen Köpfen zusammen gestoßen bin, wir am Ende des Tages halb erfroren und komplett durchnässt waren und unser Adrenalin für den Rest des Jahres aufgebraucht war, war dieser Tag einer der lustigsten, abenteuerlichsten und feuchtesten überhaupt. Das White Water Rafting gehört deshalb für mich definitiv auf die Liste der Dinge, die man auf jeden Fall gemacht haben muss, wenn man einen Zwischenstopp in Rotorua einlegt, denn an wahrscheinlich keinem anderen Ort in Neuseeland bekommt man in dieser kurzen Zeit so viel Action, Spaß und Adrenalin auf einem Haufen.

Den restlichen Tag haben wir damit verbracht, unsere Wäsche nach einer halben Ewigkeit mal wieder zu waschen, Burger bei Wendy’s zu essen und den Abend mit einem Film ausklingen zu lassen.

Während der nächsten Tage fuhren wir immer weiter nordöstlich, bis hin zum östlichsten Punkt Neuseelands und dem Ort, an dem man die Sonne, als einer der ersten Menschen der Erde, aufgehen sieht. Und was während dieses Roadtrips noch alles passiert ist, erfahrt ihr im nächsten Beitrag. 😊

Bis dahin,

¹Quelle: https://www.fun-rafting.at/faq/wildwasserschwierigkeitsskala.html

2 Comments

  1. Hey Luca!

    Ich hab in den letzten zwei Tagen alle deine Einträge über NZ gelesen (I know, Stalkeeer haha :P). Bei mir geht’s auch bald los ans andere Ende der Welt, deshalb hab ich deine Blogbeiträge echt verschlungen, um mir Tipps und Anregungen zu holen. Ich mochte die total 🙂 sind sehr unterhaltsam geschrieben und richtig schöne Fotos hast du gemacht! Da wächst die Vorfreude auf NZ nur noch mehr bei mir.

    Bist du mittlerweile schon wieder in Deutschland?

    Und noch eine random Frage: Wie bist du mit deinem Gepäck zurecht gekommen? Hattest du zu viel/zu wenig dabei? Und hast du irgendwas on the road weggegeben oder dazugekauft? Ich bin grad mitten im Packprozess, deshalb sind Erfahrungen aus erster Hand für mich super hilfreich.

    Ganz liebe Grüße
    Sandra

    • Luca Celine Reply

      Hallo Sandra!

      Danke erstmal für deine lieben Worte, darüber freue ich mich wirklich sehr! 😊
      Ich bin mittlerweile (schon wieder fast 5 Monate) wieder zurück in Deutschland, ja. So richtig los gelassen hat mich die Zeit in Neuseeland aber immer noch nicht und das wird wahrscheinlich auch nicht so schnell passieren, haha. 😭

      Zum Gepäck kann ich nur sagen: nimm nur das Nötigste mit. Ich habe mir viel zu viele Gedanken darüber gemacht, was ich mitnehmen soll und was ich alles während diese Zeit brauche und habe dabei ganz vergessen, dass ich ja nicht in den Kongo fliege, sondern nach Neuseeland, wo man das, was es hier bei uns gibt, genau so kaufen kann.
      Gekauft habe ich, vor allem was Dinge für den Van angeht, ziemlich viel, habe aber auch dann alles, was ich wirklich zurück in Deutschland nicht gebraucht hätte, zusammen mit dem Auto verkauft. Bei teureren Anschaffungen gibt es dann auch immer noch die Möglichkeit, Gebrauchtes über TradeMe oder sogar über Backpacker Gruppen auf Facebook zu kaufen, weil man dort einfach vom Besteckset bis zum neuen Satz Reifen alles bekommen kann.

      Ich hoffe erstmal dass ich dir ein bisschen bei deinen Reisevorbereitungen helfen konnte und wünsche dir jetzt schon mal eine gute Reise und viel Spaß in Neuseeland, du wirst es lieben!!! 😌

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