Zwei Wochen im Haus einer Feministin – meine WWOOFING Experience in Wellington 𝐍𝐞𝐮𝐬𝐞𝐞𝐥𝐚𝐧𝐝 #𝟏𝟐

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Nachdem ich Ende Januar die Fähre über die Cook Strait auf die Nordinsel genommen und nach fast 4 Stunden (während denen ich mich fast übergeben musste, weil das Schiff unglaublich starkem Wellengang ausgesetzt war) in Neuseelands Hauptstadt Wellington angekommen war, habe ich meine erste Nacht in einem Hostel in der Nähe des Zentrums verbracht, um mich gleich am nächsten Tag mit einer Familie zu treffen, die ein neues Au-Pair für einige Wochen suchte. Da ich zu diesem Zeitpunkt schon eine Weile gereist war und mich doch so langsam die Sehnsucht nach dem Familienleben und einem festen „Zuhause“ packte, ich liebend gerne das alltägliche Leben einer neuseeländischen Familie kennenlernen wollte und zugleich natürlich auch irgendwann das Geld knapper wurde, war ich schon seit Längerem auf der Suche nach einem Platz als Live-In Au-Pair in der Nähe von Wellington.

Nach tagelanger Suche und vielen Absagen bin ich schließlich auf die Anzeige der besagten Familie, bestehend aus zwei Gasteltern, einem Sohn und einem Hund, nur ein paar Minuten außerhalb von Wellington, gestoßen, die neben der Möglichkeit, das Auto zu nutzen, ein eigenes Zimmer mit Bad und noch dazu ein ziemlich hohes Taschengeld gegen Hilfe im Haushalt anboten. Diesmal hatte ich Glück und wurde direkt eingeladen, die Familie zu einem Picknick im Botanischen Garten Wellingtons zu begleiten, in dem an diesem Abend ein kleines, aber feines Festival stattfand.

Schon nach der ersten Begegnung mit Heather, der Mutter der Familie, die einen schwarzen, flauschigen Hund mit Rastalocken an der Leine hielt und mich total herzlich begrüßte, wusste ich, dass ich einen ziemlichen Glückstreffer gelandet haben musste. Denn auch Vater und Sohn waren total interessiert, boten mir sofort Cider, Salat und Chips an und nachdem sich im Laufe des Abends herausstellte, dass mich nicht nur Hugo der Hund, sondern auch die restlichen Familienmitglieder auf Anhieb sympathisch fanden und ich noch dazu mit dem 15-jährigen Sohn, Kenan, die Leidenschaft für’s Zeichnen und mit Martin die des Backens teilte, war ich nicht sehr überrascht, als mir am Ende des Abends gesagt wurde, dass mich die Familie gern für die nächsten Monate aufnehmen würde.

Da das derzeitige Au-Pair-Mädchen noch weitere zwei Wochen bei der Familie verbringen würde, hatte ich ein ziemliches Problem, was meine Wohnsituation anging. Für 14 Tage in Wellington zu bleiben hätte jeden finanziellen Rahmen komplett gesprengt, da nicht nur Hostels teurer sind, als in jeder anderen großen Stadt, sondern auch die Parksituation ein riesiges Problem darstellte, da die wenigen verfügbaren Plätze, mit einem Preis von durchschnittlich $40 pro Tag einen fetten Geldbeutel vorraussetzen.

Also war der Plan, aus Wellington heraus zu fahren, mir in naher Umgebung, aber so weit wie möglich außerhalb der Stadt, einen Campingpatz oder ein Hostel zu suchen, was ich auch ohne dafür meine Organe verkaufen zu müssen, bezahlen konnte, und dort die nächsten Tage einfach so gut es geht tot zu schlagen, bevor das Au-Pair-Life beginnen würde. Foxton Beach bot sich dabei als temporäre Lösung recht gut an: günstiger Campingplatz, direkt am Meer, weit außerhalb Wellingtons, aber gleichzeitig nicht völlig von der Zivilisation abgeschottet. Nach einer Nacht wurde mir aber bewusst, dass ich auch dort keine zwei Wochen bleiben wollte und verabschiedete mich so schon wieder von diesem Ort, hatte aber leider keinen Plan, wo ich sonst hin sollte.

Noch weiter zu fahren hätte sich nicht gelohnt, da ich so natürlich immer und immer weiter von meiner zukünftigen Au-Pair Familie wegfuhr, ich mich aber bereits für das nächste Treffen mit ihnen verabredet hatte. Zwei Wochen reisen machte auch keinen Sinn, aus dem selben Grund und natürlich, da meine Geldressourcen nicht mehr unendlich waren. Die einzige Lösung dieses Problems war also, für meine Unterkunft zu arbeiten, um möglichst wenig Ausgaben zu haben und gleichzeitig die Zeit schneller herumbringen zu können.

Also begann ich, in jedem Hostel, was mir in der Nähe von Wellington vorgeschlagen wurde, nach Arbeit zu fragen. Leider ohne Erfolg. Nachdem auch die Suche in sämtlichen Jobportalen keinen Erfolg brachte, gab es nur eine letzte Möglichkeit: WWOOFING. Angemeldet auf der WWOOFING-Website, auf denen Hosts Zimmer und Verpflegung im Gegenzug zu Hilfe im Haus, Garten oder auf der Farm anbieten, suchte ich ein paar Minuten lang nach einer geeigneten Familie in der Nähe von Wellington und fand auf anhieb eine sehr aufgeschlossen und nett wirkende Beschreibung eines Fotografen-Paares, was nur wenige Kilometer außerhalb von Upper Hutt, einem Stadtteil Wellingtons, in einem Haus mit einem kleinen Garten lebte. Nachdem wir nur wenige Nachrichten ausgetauscht und ich mit dem „Ja, wir brauchen Hilfe, komm doch gleich morgen vorbei!“ endlich eine Lösung gefunden hatte, machte ich mich also am nächsten Morgen auf zu meiner ersten WWOOFING-Familie, ohne zu wissen, was für eine verrückte Zeit mich dort erwarten würde.

Empfangen wurde ich von dem besagten Pärchen, bestehend aus Mandi, einer etwas korpulenteren Frau mit bunten, langen Haaren und Craig, einem langhaarigen Mann mit Ziegenbart, beide schätzungsweise in ihren 40ern. Sofort wurde ich total herzlich aufgenommen und nachdem ich einmal durch’s ganze Haus geführt wurde, wurden mir auch schon direkt die ersten Aufgaben erteilt. Dass sich Mandi wüschte, dass ich, nachdem ich mein neues, ziemlich großes Zimmer mit Doppelbett (was sich nach monatelangem Schlafen auf Campingplätzen im Auto doch glatt ziemlich luxuriös anfühlte) bezogen hatte, so schnell wie möglich erstmal im kompletten Haus staubsaugen sollte, wunderte mich nicht, denn darin sah es aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen. Und als wäre direkt danach noch ein Panzer drüber gerollt.

Nicht sehr viel später entdeckte ich einen der Hauptgrüne für das Chaos, nämlich, dass beide Künstler waren. Und ein Hase frei im Haus herumhoppelte. Und zwei Katzen.
Nachdem ich das grobe Chaos erstmal beseitigt hatte, hatte ich Zeit, mich im Haus erstmal umzuschauen, all die verrückten und ganz offentsichtlich mit Preisen ausgezeichneten Fotos zu bewundern und mich erstmal an die bunte, zusammengewürfelte Einrichtung zu gewöhnen. Nicht sehr viel später wurde mir klar, dass ich im Haus der Person gelandet war, die den Titel „Most Creative Photographer New Zealands 2017“ trug und nicht nur eine renomierte Fotografin, sondern gleichzeitig, wie sie mir später erzählte, eine Body Positivity Aktivistin darstellte, die zahlreiche Projekte ins Leben gerufen hat, die großen Anklang in der Gesellschaft und besonders in der Frauenfraktion finden, da sich Mandi besonders mit Selbstliebe und -akzeptanz befasst und ein großes Zeichen gegen jegliche Art von Body Shaming setzt. Jackpot. 

Die nächsten 10 Tage bestanden für mich aus einer Morgenroutine, die das Füttern der Hühner, das Einsammeln warmer Eier, das Pflücken von frischem Spinat für das Mittag- oder Abendessen, das Staubsaugen der kompletten Wohnung (wobei das Wohnzimmer aufgrund dessen, dass Fufu der Hase frei herumhoppeln durfte, völlig bedeckt mit kleinen Kötteln war, sodass man kaum noch den Teppich darunter sehen konnte) und weitere kleinere Hausarbeiten, wie das Abwaschen von dreckigem Geschirr, beinhaltete.

Abhängig vom Wetter, wurden mir zusätzlich Aufgaben, wie den kompletten Kompost um zu graben, den Weg von Unkraut zu befreien oder beide Autos zu waschen, erteilt. Teil des gesamten Grundstückes war ein Studio, in dem Mandi Fotoshootings abhielt, ein großer, blühender Gemüsegarten und ein gewaltiges Funkloch, indem sich das Haus befand und ich so weder Empfang, noch Internet zur Verfügung hatte. Komischerweise waren so die Tage länger als sonst, ich hatte endlich mal wieder Zeit für andere Dinge und konnte einfach mal abschalten und die Idylle genießen, von der ich umgeben war. Mein Handy habe ich überraschenderweise nicht wirklich vermisst. Na gut, ein bisschen vielleicht.

Anfangs war ich mit der ganzen Situation auch ziemlich zufrieden, als es dann aber hieß, ich solle das Bad sauber machen, was offensichtlich schon seit 1990 niemand mehr geputzt hatte, kam bei mir langsam das Gefühl auf, dass irgendwas nicht ganz so genau stimmt. Meine Hosts selbst haben nämlich meistens ausgeschlafen und sind dann in der Dunkelheit ihres Büros verschwunden, um mich mit all den Aufgaben alleine zu lassen, nur um mir, wenn ich gegen Nachmittag endlich alles erledigt hatte, neue zu geben. Dinge, wie die Wäsche zu falten, und das nach einem ganz bestimmten Prinzip, das ich mir erst mithilfe eines Buches aneignen sollte und diese dann in den absolut chaotischen Kleiderschrank fein säuberlich einräumen zu müssen, gaben mir irgendwie das Gefühl, benutzt zu werden. Als ich dann auch noch all ihre Rechnungen nach Datum ordnen und die Mailbox, die sagenhafte 98 aufgesprochene Nachrichten hatte, aussortieren und aufschreiben sollte, was jeder gesagt hatte (man konnte das Genuschel von manchen Leuten kaum verstehen), konnte ich es gar nicht erwarten, endlich zu meiner Au-Pair Familie zu kommen.

Letztendlich war es doch schon aufregend, in Mandi’s Arbeit hineinschnuppern und in gewisser Hinsicht auch ein Teil davon sein zu können, denn was sie macht, bereichert und mit ihren Aktionen und Projekten hilft sie tatsächlich Menschen, sich selbst neu zu entdecken, sich zu lieben und Ängste und Zweifel abzulegen, was doch wirklich eine schöne Sache ist. Versteht mich nicht falsch, Mandi und Craig aka. Craigerie sind unglaublich liebe und nette Menschen, das Essen war immer unheimlich gut und ich habe die RuPaul’s Drag Race-Sessions vor dem Fernseher mit Mandi geliebt und werde die Herzlichkeit und Craigs Humor vermissen, leider bin ich mit dem (vielleicht etwas zu gechillten) Lifestyle der beiden Kiwis aber überhaupt nicht klar gekommen und das Zusammenspiel von einer relativ unhygienischen Umgebung, deren Faulheit und dem Gefühl, nur dazu da zu sein, das Chaos der letzten Wochen zu beseitigen, damit die beiden es nicht machen müssen, hat es mich nicht länger als 10 Tage im Hause Lynn aushalten lassen. Ein glückliches, erfülltes und entspanntes Leben und Spaß sind wichtig, aber mindestens genauso wichtig ist es doch, ab und an auch mal den Besen in die Hand zu nehmen. Lessons for life. 😄

Für den ein oder anderen, der sich vielleicht selbst ein Bild von Mandi und ihrer Arbeit machen möchte, verlinke ich ihre Website. (PS: eines der Fotos habe ich sogar geschossen 👹)

https://alamojostudio.com/

Wie es mir dann in meiner neuen Gastfamilie als Au-Pair ergangen ist und mit welchen ungewöhnlichen und neuen Situationen ich dort konfrontiert wurde, erfahrt ihr im nächsten Beitrag! Zum Schluss noch ein paar Impressionen der irren Hühner, inklusive Loulou aka. das Rod Stewart Huhn. Bitteschön.

Bis zum nächsten Mal,

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