Wie es ist, spontan aus einem Flugzeug zu springen – Skydiving in Taupo 𝐍𝐞𝐮𝐬𝐞𝐞𝐥𝐚𝐧𝐝 #𝟏𝟔

Der Weg nach Taupo war wunderschön; das Wetter war, wie auch schon die letzten Tage, voll auf unserer Seite und langsam aber sicher kamen wir dem tiefblauen Lake Taupo immer näher, bis wir nach knapp 90 Minuten Fahrt schließlich im „Zentrum der Nordinsel“ ankamen. Scheinbar waren wir nicht die Einzigen, die das schöne Wetter am See ausnutzen wollten, denn in der vergleichsweise kleinen Stadtmitte war der Teufel los. Glücklicherweise standen uns ein paar Parkplätze vor dem Hostel, in dem Helena und ich die nächsten Tage verbringen wollten, zur Verfügung und so luden wir unser Gepäck erst einmal aus und bezogen unser, zugegebenermaßen ziemlich geräumiges, Hostelzimmer.

Innerhalb der nächsten Tage schauten wir uns mit Anna gemeinsam die Umgebung an, unter Anderem besuchten wir die tosenden Huka Falls, die „Craters of the Moon“ ; eine rauchende Mondlandschaft, durch die unzählige Holzstege führten, und eine Reihe heißer Quellen, in denen man stundenlang bei 40 Grad Wassertemperatur hocken und schrumplig werden konnte. Wie es der Zufall wollte, traf ich genau an diesem Ort Merle wieder und stellte einmal mehr fest, wie klein dieses Land doch war. Oder vielleicht auch, wie jeder einfach nur die selben Touristenspots abklapperte. 😄

Der Parkplatz an den Quellen jedenfalls war überfüllt mit Vans, Mietwagen und Wohnmobilen und Betty inzwischen von allen Seiten zugeparkt. Das machte es natürlich umso schwieriger, uns aus der winzigen Parklücke heraus zu manövrieren und so – es musste so kommen – schenkte ich einem weißen Van ein bisschen Lack von mir. Nur leider war mein Auto knallrot. In der Hoffnung, der Besitzer würde über den kleinen Schaden hinwegsehen, schrieb ich nervös meine Telefonnummer und meinen Namen auf einen Zettel und klemmte ihn hinter den Scheibenwischer des Campers. Kleiner Spoiler: ich musste letztendlich nichts zahlen, da der Besitzer des Campers versichert war, was überhaupt keine Pflicht in Neuseeland ist – Glück gehabt. Trotzdem ging mir der Arsch auf Grundeis wie noch nie zuvor auf meiner Reise und obwohl der Moment, in dem man merkt, wie man gerade an einem anderen Auto entlang scheuert, kaum noch an Aufregung zu übertreffen ist, war einer der womöglich aufregendsten Tage meiner Zeit in Neuseeland (wenn nicht sogar meines ganzen Lebens) der Tag, an dem ich, ohne es am Morgen überhaupt gewusst zu haben, aus über 3 1/2 Kilometern Höhe aus einem Flugzeug gesprungen bin. Aber von Anfang an.

Geplant hatten wir für den nächsten Tag eigentlich nicht viel, denn Anna war unterwegs, um einen Tag an der Ostküste zu verbringen, weswegen wir uns einfach dafür entschieden, etwas durch die Stadt zu schlendern und ich mich über einen möglichen Termin für einen eventuell geplanten Fallschirmsprung zu informieren. An der i-SITE angekommen, fragte ich ganz vorsichtig nach, ob man Fallschirmsprünge dort direkt buchen könne, woraufhin mir die nette Dame an der Rezeption zwei laminierte Preislisten von zwei unterschiedlichen Unternehmen vor die Nase legte und mich fragte, was mir denn am ehesten zusagen würde. Schon der Anblick der Fotos und das Gefühl, den Sprung wirklich durchzuziehen und in diesem Moment fest machen zu müssen, ließen meine Hände schwitzig werden und ganz plötzlich war ich mir doch nicht mehr so sicher, ob ich nun von 12 000, 15 000 oder 18 500 ft springen wollte, oder mich einfach nur noch umdrehen und wegrennen sollte.

Irgendwann sagte ich, dass ich mich theoretisch für den Sprung aus 12 000 ft entscheiden würde, den Part, dass ich praktisch richtig Schiss davor hatte, ließ ich dabei aber lieber weg. Sandra griff daraufhin zum Hörer und fragte mich nach ein paar Sekunden, in denen sie mit dem Skydive Unternehmen telefoniert hatte: „heute 14 oder 15 Uhr?“  Keine Ahnung wie und warum, aber scheinbar aus Reflex stimmte ich dem Termin um 15 Uhr zu, und so war innerhalb weniger Minuten mein Fallschirmsprung gebucht und ich hielt ungläubig das Ticket in der Hand.

Kurz vor drei würde eine Limousine vor unserem Hostel warten, was zu diesem Zeitpunkt gerade mal knapp zwei Stunden in der Zukunft lag. Während der Zeit bis zum Sprung wusste ich nicht wirklich, wie ich mich verhalten sollte, denn einerseits war ich total aufgebracht, nervös und schwitzte schon bei dem Gedanken daran, an einen Fremden gegurtet zu sein und einfach so aus einem Flugzeug zu springen. Andererseits war ich aber auch total erleichtert, mich gegen die Angst und für den Sprung entschieden zu haben und freute mich von Minute zu Minute mehr darauf. Viel Zeit, um überhaupt richtig darüber nachdenken zu können, hatte ich sowieso nicht, denn kaum waren wir wieder zurück im Hostel, saßen wir auch schon in einer weißen Limousine mit der Aufschrift „Skydive Taupo“ (Helena war übrigens mein moralischer Beistand, Danke an dieser Stelle nochmal dafür 😄) und waren auf dem Weg zum Flugplatz. Dort angekommen, gab es ein kurzes Sicherheits-Briefing und schneller, als ich gucken konnte, hatte ich auch schon einen mehr oder weniger attraktiven blauen Anzug an, ein Geschirr um den Körper geschnallt und eine Lederkappe in der Hand und wartete nur noch auf den Menschen, dem ich für die nächste halbe Stunde mit meinem Leben vertrauen sollte.

Nach ein paar Minuten kam Izzy, schüttelte mir die Hand und checkte alle Gurte. Währenddessen lernte ich auch meinen ganz persönlichen Kameramann kennen, der sich ein paar Sekunden vor uns aus dem Flugzeug stürzen würde, um das Ganze festzuhalten. Nur wenige Augenblicke später saßen wir auch schon drin; elf Menschen zusammengequetscht in einem pinken Flugzeug, Izzy und ich direkt am Ausgang, da wir, was für ein Glück, die ersten sein sollten, die springen. Ich liebe es.

Das Starten und Abheben des Flugzeugs waren für mich mit Abstand das Schlimmste, da es in dem Moment, als die  Reifen vom Boden abhoben und wir plötzlich in der Luft waren, kein Zurück mehr gab und mein Leben buchstäblich nur so an mir vorbeizog und ich mich nur noch darauf konzentrieren konnte, dass ich gleich etwas tun würde, was meinem Leben tatsächlich ein Ende bereiten könnte, wenn irgendetwas schief laufen würde.

Ich hoffte einfach nur noch, dass der Fallschirm auf gehen und ich meinen Tandempartner nicht während des Flugs verlieren und ungebremst irgendwo auf den Boden klatschen würde. Der Fakt, dass Dan (der Fotograf) mit mir im Flugzeug Schere Stein Papier spielte, um die Situation etwas aufzulockern, konnte nicht viel daran ändern, dass wir immer weiter an Höhe gewannen, die schöne Landschaft irgendwann hinter den Wolken verschwand und meinen Puls immer weiter anstiegen ließ, da ich jetzt schon auf Izzy’s Schoß saß und alle Gurte festgezurrt und dutzende Male nachkontrolliert wurden. Dann war es soweit. Als wir die 12 000 Fuß erreicht hatten, musste alles ganz schnell gehen. Kappe auf, Brille runter, Gurte nochmal checken, Tür auf, Kopf in den Nacken, vorrutschen. Die Luft war eiskalt und hart. Dan hing schon halb aus dem Fenster und in dem Moment, als er vom Flugzeug abließ, stürzten auch wir ins absolute Nichts. In diesem Moment löste sich meine Angst einfach so in Luft auf, im wahrsten Sinne des Wortes, und zurück blieben einfach nur noch Endorphine. Das pure Glück.

Das Gefühl, das man hat, wenn man plötzlich nur noch Luft unter sich spürt, kaum richtig danach schnappen kann und sich mit dem ersten Atemzug die Lungen schlagartig damit füllen, kann man nicht beschreiben. Zu wissen, dass man fällt und das mit fast 200 km/h, ist einerseits etwas, was, wenn man drüber nachdenkt, so absurd und angsteinflößend klingt, gleichzeitig aber eins der besten Gefühle auslöst, die es überhaupt gibt.

Man ist schwerelos und trotzdem spürt man die extreme Kraft der frischen Luft, die das Gesicht flattern lässt und es einem schwer macht, Arme und Beine unter Kontrolle zu bringen. Der komplette Kontrollverlust ist so aufregend, schön und gruselig zugleich, dass man nicht weiß, was man überhaupt denken soll. Die 45 Sekunden, die wir uns im freien Fall befanden, fühlten sich an, wie ein einziger, kurzer Augenblick und sind auch jetzt noch für mich so ungreifbar und unverständlich, dass es mir fast vorkommt, als wäre dieser Moment gar nicht passiert. Hätte ich den Sprung nicht auf Video, würde ich glatt sagen, es war nicht real. Wahrscheinlich ist es deswegen, warum man sagt, man muss zwei Mal gesprungen sein, um den Moment wirklich bewusst mit erleben zu können, da Körper und Geist beim ersten Mal einfach nicht verarbeiten können, was passiert.

 

konnte mich offensichtlich nicht entscheiden, ob ich es richtig cool oder mega gut finde 😄

In dem Moment, als der Fallschirm aufging und uns ruckartig stark abbremste, konnte ich das erste Mal, seit dem Absprung, durchatmen. Mir wurde klar, was ich da gerade tat; ich hing mit einem fremden Menschen, dem ich nur wenige Minuten zuvor das erste Mal die Hand geschüttelt hatte, irgendwo über dem großen, blauen Lake Taupo und war gerade aus einem Flugzeug gestürzt. Verrückt.

Der Ausblick von dort oben war wahnsinnig schön und nach einem kleinen Cruise über den See, mit der Abendsonne im Rücken und den mächtigen Vulkanen, neben denen wir erst wenige Tage zuvor gestanden hatten, in der Ferne, bewegten wir uns langsam aber sicher wieder auf den Flugplatz zu. In solchen Momenten wurde mir klar, wie viel Glück ich eigentlich hatte und wie dankbar ich sein konnte, all diese Dinge mit eigenen Augen sehen und zu erleben zu dürfen und war wahrscheinlich einfach nur der glücklichste Mensch der Welt.

Die Landung lief weicher ab, als gedacht und nachdem der riesige Fallschirm erstmal auf uns zusammengefallen war und wir uns von dem Wirrwarr aus Stricken und Stoff befreit hatten, konnte ich das erste Mal seit Beginn des Ganzen halbwegs realisieren, dass ich gerade aus dem Himmel gefallen war. Und obwohl ich mich auch jetzt noch nur in Bruchteilen an diesen Tag erinnern kann, weiß ich, dass sich irgendetwas in mir verändert hat. Vielleicht ist es die Angst vor neuen, unbekannten Dingen, die sich einfach in Luft aufgelöst hat; oder einfach eine komplett neue Sicht auf die Dinge, die man bekommt, wenn man die Welt plötzlich von oben sieht. Das befreiende Gefühl, Etwas getan zu haben, das einen selbst innerlich so viel Überwindung gekostet hat; konfrontiert damit gewesen zu sein, dass das Leben endlich und wir alle sterblich sind und es sich deshalb lohnt, es mit vollen Zügen zu genießen. Plötzlich eine ganz andere Einstellungen zu Herausforderungen zu haben und zu wissen, dass man mit etwas Mut alles schaffen kann und Probleme einem meistens größer vor kommen, als sie es in Wirklichkeit sind. Diese Erfahrung hat mich als Mensch einfach ein großes Stück wachsen lassen und wenn ich könnte, würde ich es jederzeit wieder wagen.

Und wem die Fotos von meinem flattrigen Gesicht und meiner süßen Ledermütze noch nicht reichen, der kann sich hier gerne das Ganze in Bewegung anschauen:

Bis zum nächsten Mal,

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