Willkommen in Mordor – Das Tongariro Alpine Crossing 𝐍𝐞𝐮𝐬𝐞𝐞𝐥𝐚𝐧𝐝 #𝟏𝟓

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Nach einer ziemlich kurzen und schmerzlosen Verabschiedung von meiner Gastfamilie ging es mit einem gemütlichen Ruckeln und Quietschen Richtung Norden, um meinen letzten großen Roadtrip durch die Nordinsel zu beginnen. Da ich während der Zeit vor meiner Arbeit als Au-pair ziemlich lange allein unterwegs gewesen und jetzt wieder bereit für ein bisschen Gesellschaft war, hatte ich erneut meinen leeren Beifahrersitz auf Facebook für einen zukünftigen Travelbuddy zur Verfügung gestellt. Nachdem ich mich mit vielen verschiedenen netten Leuten unterhalten und versucht habe, jemanden zu finden, mit dem sich meine Vorstellungen beim gemeinsamen Reisen, die Route, und das Zeitfenster, dass wir dafür zur Verfügung stehen haben, decken, stand ein Treffen mit zwei deutschen Mädels fest. Eine der beiden sollte ich dabei noch am selben Tag, an dem ich Wellington verlassen hatte, im etwa einstündig entfernten Palmerston North abholen. Dort angekommen, traf ich das erste Mal auf Helena, mit der ich mich dann, nachdem auch ihr gesamtes Gepäck im Van verstaut war, gemeinsam auf den Weg zum Tongariro Nationalpark machte, in dem Anna, die dritte der Runde, bereits auf uns wartete.

Auf dem Weg dort hin hatten wir genügend Zeit, uns erstmal etwas kennenzulernen, vor allem, weil Betty mit all dem schweren Gepäck die steilen Hügel nur ziemlich schwer und langsam hinauftuckern konnte. Dabei haben wir ziemlich schnell festgestellt, dass wir die selbe Liebe zu 80ern und 90ern teilen und so ging auch dieser über dreistündige Teil der Fahrt ziemlich schnell vorbei und gegen 5 Uhr abends kamen wir dann auch endlich im Nationalpark an, wo wir Anna, nachdem wir erst gefühlt 10 Mal an ihr vorbeigelaufen waren, das erste Mal auch kennenlernen durften. Da die Chemie auf Anhieb zwischen uns stimmte und auch sonst nichts dagegen sprach, buchten wir direkt einen Stellplatz für zwei Nächte und den Shuttle, der uns am nächsten morgen um 7 Uhr zum Anfang der wohl bekanntesten Tageswanderung Neuseelands bringen würde; dem Tongariro Alpine Crossing.

Nachdem wir den Rest des Abends auf der Couch im Innenbereich mit mehreren anderen Reisenden verbracht hatten und die Augen langsam kaum noch auf halten konnten, bereiteten wir unser Nachtlager vor und verbrachten schließlich unsere erste gemeinsame Nacht im Van (zumindest Helena und ich, Anna schlief in ihrem eigenen Auto). Romantisch.

Um halb 6 klingelte am nächsten Morgen unser Wecker, woraufhin wir, so gar nicht motiviert und noch im Halbschlaf, frühstückten, um uns dann in unseren warmen Zwiebellook zu werfen und auf den Shuttle zu warten. Punkt sieben war er da, ein kleinerer Bus, aus dem ein bärtiger Mann ausstieg und uns hinein bat, um uns dann erst den Highway und dann die kurvige, hucklige Schotterstraße entlang, zum Mangatepopo Carpark, zu bringen. Dort wurden wir bereits von einer Menschenmenge (es war so ziemlich der letzte schöne Tag, bevor der Track, wegen einer zu großen Gefahr durch Schnee und Eis, nur noch für Wanderungen mit einem Guide zugänglich war) erwartet, darunter natürlich auch ein paar Spatzenhirne mit Shorts und T-Shirt. Ich mit meinen sechs Kleidungsschichten stand daneben und wusste, wer ganz oben auf dem Berg frieren würde. Ich jedenfalls nicht.

Höhenprofil des Tracks

Gegen 8 Uhr starteten wir, erst durch das relativ gerade Mangatepopo Valley, dann immer weiter Richtung South Crater, wobei man sich, um auf den etwa 1600 m hohen Sattel zu gelangen, etwa 500 Treppenstufen das sogenannte Devil’s Staircase hinaufquälen musste. Schon in der Ferne konnte man auf diesem Weg Mount Ngauruhoe sehen, der, zumindest in „Der Herr der Ringe“, als Mt. Doom wahrscheinlich eher bekannt ist. Der Weg nach oben zum South Crater war unfassbar anstrengend, wobei ich, im Vergleich zu den Anderen, immer weiter zurückfiel, weil ich einfach unglaublich viele Pausen einlegen musste, um nicht schon auf dem ersten Viertel des Weges zu Grunde zu gehen. Der Ausblick von oben war dafür umso schöner, zumindest dann, wenn man die Menschenmassen ausblendete.

Der Nebel, der anfangs noch die Sicht versperrt hatte, verzog sich langsam aber sicher und hüllte das Tal, welches wir kurz zuvor noch durchquert hatten, in einen Mix aus milchigen Wolken und den ersten Sonnenstrahlen, die an diesem Morgen auf das rote Gestein trafen. Der Weg vom Sattel zum eigentlich höchsten Punkt der Wanderung, dem immer noch aktiven Red Crater, war nicht weniger anstrengend und noch dazu ziemlich gefährlich, da man sich nirgendwo wirklich festhalten konnte und der durch den Regen ziemlich rutschig gewordene tonartige Boden es einem schwer machte, sich richtig fest zu treten und nicht abzurutschen.

Besonders dieser Teil der Wanderung hat mich in Atem gehalten, einerseits, weil ich wirklich Angst hatte, abzurutschen und fast 2000 m in die Tiefe zu fallen und andererseits, weil ich einfach kaum noch Ausdauer hatte, meine Beine schmerzten und ich mit jedem Schritt mehr merkte, dass meine neuen Wanderschuhe doch noch nicht so ganz eingelaufen waren. Trotzdem kam ich irgendwann total verschwitzt und bereit, wieder umzukehren oben an, wo der nun wieder extrem dicht gewordene Nebel die Sicht auf das Innere des rauchenden Kraters versperrte.

Oben traf ich dann zufälligerweise die gute Merle, die sich, wie sicherlich 1000 andere Leute auch, den letzten schönen Tag ausgesucht hatte, um das Crossing zu machen, verlor sie aber bald wieder, als wir alle auf der anderen Seite des Vulkans völlig unkontrolliert wieder herunterrutschten. Durch das lose Gestein und den extremen Höhenabfall gestaltete sich das Ganze recht schwierig und schmerzte vor allem in den Knien. Ab und zu spürte man die Wärme der Wolken im Gesicht, wenn man diese durchlief und wusste, dass man mit diesem Ort besser nicht spaßen sollte. Während des gesamten Tracks durchquerten wir mehrere dieser ausgeschilderten „Volcanic Hazards Zones„, in denen man durch große Infotafeln darauf hingewiesen wurde, besser nicht für längere Zeit zu stoppen, um nicht im Falle eines Ausbruchs direkt erschlagen zu werden. Beruhigend.

Nur ein paar Meter weiter unten konnten wir durch den Nebel die satte, grüne Farbe einer der Emerald Lakes durchscheinen sehen, der aber bereits nach wenigen Sekunden wieder völlig hinter den ziemlich streng nach Eiern riechenden, schwefeligen Nebelschwaden verschwand. Da wir uns damit aber alle Drei nicht zufrieden geben und das eigentliche Highlight der gesamten Wanderung noch einmal in voller Schönheit bewundern wollten, warteten wir im eiskalten Wind auf nur knapp unter 1800 m Höhe gut 15 Minuten, bis wir fast erfroren waren. Schließlich wurden wir für unsere Geduld belohnt und ganz plötzlich, innerhalb weniger Sekunden, war jeglicher Nebel verschwunden, die Sonne kam heraus und es kamen drei wunderschöne blau- und grün schimmernde Kraterseen und zwischen ihnen all die Leute, die vorher scheinbar von den Wolken verschluckt worden waren, zum Vorschein. Die Farbe der Emerald Lakes kann man nicht wirklich in Wort fassen, der einzige Ausdruck, der mir beim Anblick dieser drei Seen eingefallen ist, war: nicht von dieser Welt.

Beim Blick nach oben konnte man nun auch endlich den Red Crater sehen, der bedrohlich rauchte und den Eindruck machte, jeden Moment Feuer spucken zu können. Die Menschen, die gerade den steilen Hang hinunter glitten, sahen neben dem monströsen Krater aus, wie kleine Ameisen.

 

Ab diesem Zeitpunkt lief man einige Kilometer durch das absolute Nichts. Links und rechts des Tracks standen nur einige kahle Büsche und ein paar einzelne Gesteinsbrocken. Es war entspannend, einmal einfach gerade hin laufen zu können. Weniger entspannend war der Anblick des so ziemlich letzten großen Anstiegs des Tracks, den wir überwinden mussten. Schon von Weitem konnte man sehen, dass es noch einmal einige Meter nach oben gehen würde, da man die Spitze des Berges kaum durch den, jetzt wieder ziemlich dichten, Höhennebel sehen konnte.

Nach dem kurzen, steilen Stück, dass es trotz alledem in Sich hatte, standen wir vor dem wunderschönen Blue Lake. Neben dem leuchtenden Kratersee konnte man jetzt auch auf der anderen Seite einen riesigen erkalteten Lavastrom sehen, der aus der Ferne aussah, als würde er sich noch immer durch das Tal hindurchfressen und alles überrollen, was sich ihm in den Weg stellte.

Von da aus ging es eigentlich nur noch bergab; erst über Holzstege und an steilen Felswänden entlang, wobei hinter den Hügeln schon der tiefblaue Lake Taupo herausblitzte, und dann durch dichten Wald und scheinbar unendlich viele Treppen hinab, bis wir nach knapp drei weiteren Stunden endlich am anderen Ende des Tracks ankamen.

Kurz vor dem Parkplatz passierten wir das symbolische „19,4 km“ Schild und ich kann euch nicht sagen wie froh ich war, mich nach dieser Tortur der letzten Kilometer endlich setzen zu können. Dass wir einen der Shuttle, der uns wieder hätte zurück bringen können, knapp verpassten, war mir in diesem Moment mehr als egal und ich konnte an Nichts anderes mehr denken, als endlich etwas essen zu können. Viel Zeit hatte ich während der Wanderung nicht dazu gehabt, da ich permanent versuchen musste, mit den Anderen mitzuhalten, was mir irgendwann aber einfach zu blöd wurde und ich somit einfach ein paar Minuten später am Ende des Tracks ankam. Denn mir ging es nicht darum, die Wanderung möglichst in Rekordzeit zu beenden und einen möglichst zeitigen Bus zu erwischen, sondern darum, das Crossing zu genießen, hier und da mal einen Zwischenstopp einzulegen und die Zeit, die ich an diesem Ort hatte, auszuschöpfen. Denn so schnell würde ich wohl nicht noch einmal die Möglichkeit dazu haben, direkt neben einem Vulkan zu stehen.

Oder vielleicht doch?

Klar war, dass ich mir auf den letzten Metern noch einmal 10 zu den schon existierenden 20 Blasen an den Füßen geholt habe, meine Ausdauer am Ende war und ich letztendlich gefühlt durch’s Ziel gekrochen bin. Aber es hat sich gelohnt.

Das Tongariro Alpine Crossing war eine der beeindruckendsten Wanderungen, die ich jemals gemacht habe. Noch nie in meinem Leben habe ich so schillernde Farben und eine so furchteinflößende und zugleich eindrucksvolle Landschaft gesehen, war aber auch noch nie so an meine körperlichen Grenzen gestoßen, wie an diesem Tag. Dieser Ort war lebendig, außerirdisch und so unberührt in seiner Form, dass man tatsächlich das Gefühl hatte, sich in ein unvorhersehbares Abenteuer zu stürzen und mit Sicherheit ein gewisses Risiko einzugehen. Und dieses Risiko war nicht gerade gering. Ich weiß nicht, ob ich den Track gelaufen wäre, hätte ich vorher gewusst, dass bereits seit 2008 knapp 60 Menschen auf dieser Strecke um’s Leben gekommen sind, nachvollziehbar ist es im Nachhinein auf jeden Fall, denn dieser Ort war (zumindest stellenweise) der Inbegriff einer Todesfalle und die Wanderung definitiv kein Zuckerschlecken. Glücklicherweise waren wir, ganz im Gegensatz zu einigen anderen Leuten, gut auf jegliche Wetterlagen und das unebene Terrain eingestellt und so konnten uns weder die Temperaturen weit unter dem Gefrierpunkt, noch das grobe Geröll und die rutschigen Felsen etwas an haben. Vorbereitung ist und bleibt nun mal  das A und O.

Trotz all den Strapazen und Schmerzen war der ganze Tag ein voller Erfolg, denn mehr als gutes Wetter, eine so malerische Landschaft und gute Gesellschaft, hätte man sich wirklich nicht wünschen können. Meiner Meinung nach trägt das Tongariro Alpine Crossing den Titel „eine der schönsten Tageswanderungen überhaupt“ völlig zu Recht. Denn die brennenden Füße haben sich schnell erholt, aber die traumhaften Erinnerungen bleiben.

Ziemlich stolz auf uns, aber gleichzeitig total erledigt ging es per Shuttle dann wieder zurück auf den Campingplatz, wo es nur noch hieß: Duschen, um den Dreck einer 7 1/2 stündigen Wanderung von uns zu waschen, abendessen und ab ins Bett. Und bevor es am nächsten Tag gemeinsam direkt weiter Richtung Taupo ging, holten wir uns erstmal eine große Portion Schlaf. 😇

Und wie ich nur wenige Tage später etwas getan habe, was ich nie von mir selbst erwartet hätte, erfahrt ihr im nächsten Beitrag. Bis dahin,

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