Etwa 90 Kilometer östlich von Tauranga befand sich unser nächster und letzter gemeinsamer Stopp, bevor Helena und Ich ohne Anna weiterreisen würden, da ihre Zeit leider einfach zu knapp war, um mit uns die Ostküste zu entdecken. Nach etwa einer Stunde Fahrt kamen wir in Whakatane an, dem „Tor“ zu White Island; Neuseelands einziger aktiver Vulkaninsel. Von dort aus starteten alle Touren zum 50 Kilometer entfernt, mitten im Pazifik liegenden Vulkan, der nicht nur zu Taupo Volcanic Zone, sondern auch zum pazifischen Feuerring gehörte, der den pazifischen Ozean auf einer Länge von gut 40 000 km umgibt. Ziemlich aufregend also. Vielleicht auch ein bisschen gefährlich.

Die Insel war (logischerweise) nur per Boot oder Helikopter zu erreichen, weswegen wir die Nacht in einem kleinen Hostel nahe des Hafens verbrachten, bevor es für Anna und mich am nächsten Morgen mit dem Boot auf die Insel gehen sollte. Das Hostel war übrigens unheimlich gemütlich und heimelig, was wohl zum größten Teil daran lag, dass wir von einem niedlichen alten Mann empfangen wurden, hinter dem immer ein kleiner, überfütterter Hund lief, dessen Bauch schon fast auf dem Boden schliff. Die Einrichtung war zwar etwas rustikal und zusammengewürfelt, aber durch die Atmosphäre und die Gastfreundschaft des Inhabers fühlten wir uns wirklich wohl und willkommen. Falls ihr also jemals in Whakatane übernachten solltet, stattet gerne Karlie und seinem Herrchen einen Besuch im „Karibu Backpackers“ ab, ihr werdet es nicht bereuen. Werbung ende. 😄

Am nächsten Morgen quälte ich mich noch vor Sonnenaufgang aus dem Bett, um mich kurz vor Abfahrt des Katamarans mit Anna am Hafen zu treffen, wo ich mir direkt eine Tablette gegen Seekrankheit (wiedermal eine sehr gute Entscheidung, wie sich wenig später herausstellte) einwarf und wir kurz darauf bereits im Boot zu einem der am besten zugänglichen aktiven Vulkaninseln der Welt saßen. WOOHOO!

Wenn wir vorher gewusst hätten, wie gefährlich der Trip nach White Island eigentlich wirklich war und dass der Tod, dessen möglichen Eintritt bei Ausbruch des Vulkans wir vorher unterschreiben mussten, unser ständiger Begleiter gewesen ist und nur wenige Monate später dutzende Menschenleben gefordert hat, wären wir wohl nicht gefahren. Aber wer kann schon in die Zukunft schauen.

Die Überfahrt dauerte knapp eine Stunde und trotz des (im Vergleich zur Rückfahrt) noch relativ seichtem Wellengang, konnte man einigen ansehen, dass es ihnen nicht mehr ganz so gut ging. 😄 Gut für mich, denn aufgrund ihrer nicht zu übersehenden weißlich-grünen Gesichtsfarbe durften Anna und Ich in eines der ersten Schlauchboote, dass uns direkt an den Strand der Insel brachte.

Nachdem wir über ein paar große Felsen geklettert waren, standen wir tatsächlich auf dem Vulkan. Schon von Weitem konnte man den dichten Rauch aus dem Krater aufsteigen sehen und die ersten Schritte auf der Oberfläche dieser brodelnden, qualmenden Insel fühlten sich alles andere als real an. Und spätestens dann, als unsere Guides davon sprachen, dass niemand genau sagen kann, wann der nächste Ausbruch, Erdrutsch oder das nächste Erdbeben stattfinden würde und man permanent bereit zur Flucht sein sollte, setzte allmählich das Gefühl ein, dass man haben sollte, wenn man auf einem aktiven Vulkan steht: eine Menge Respekt.

Während der zweistündigen Tour wurden wir buchstäblich mit Fakten und Informationen zum Vulkan und dessen Geschichte bombardiert: wie der Kratersee einen pH Wert von -1 hat und wie sauer er damit ist, oder wie heiß die Oberfläche mit 98 °C nur ein paar Zentimeter unter unseren Füßen tatsächlich werden kann und wie gefährlich diese Bedingungen für den menschlichen Körper auf Dauer sein können. Die Menschen, die beim Abbau von Schwefel früher viele Stunden auf der Insel verbrachten, mussten sich mit sich langsam zersetzenden Schuhen, zerfressener Kleidung und schwarzen Zähnen herumschlagen. Zurückgeblieben waren aus dieser Zeit nur noch Ruinen, die durch die schwefelhaltigen Gase schon fast vollständig verätzt worden waren.

Während der gesamten Zeit mussten wir eine Gasmaske tragen, gegebenenfalls sogar Bonbons lutschen, wenn das kratzende Gefühl im Hals zu stark wurde, dass das Schwefeldioxid auslöst, wenn es die Schleimhäute in Mund und Rachen angreift. Die Maske half aber nicht viel, wenn der Wind sich plötzlich drehte und man in einer dicken schwefeligen Wolke gefangen war, wodurch man sofort anfing, heftig zu husten und kaum wieder damit aufhören konnte. Der Weg zum eigentlich spektakulärsten Punkt der Insel, dem 30 Meter tiefen Krater, war dementsprechend anstrengend, aber umso lohnender, obwohl wir den tiefblauen Kratersee nur für wenige Sekunden sehen konnten, da er fast vollständig von dem weißen, dichten Rauch verdeckt wurde.

Direkt am Kliff durften wir nicht stehen, da niemand genau sagen konnte, wie lange die Steinwände den extremen Bedingungen noch standhalten, bevor sie abbrechen und in den unfassbar sauren, kochenden See stürzen würden. Eine sehr beruhigende Vorstellung.

Fast so beruhigend, wie der Fakt, dass man während der gesamten Zeit auf dem Vulkan unglaublich aufpassen musste, wo man hintrat, da überall heißer Dampf aus dem Boden austrat und sich meistens unter diesen kleinen Hügeln ein Loch befand. Wer in dieser Umgebung einen falschen Schritt tat, dem würde auf dem Rückweg wahrscheinlich ein Fuß oder sogar ein Bein fehlen. Man kann sich kaum vorstellen, wie es tatsächlich unter der Oberfläche aussieht und was unter den eigenen Füßen passiert, aber vielleicht möchte man das auch gar nicht.

Auf dem Weg zurück zum Boot hatten wir die Möglichkeit, den Finger in zwei kleine brodelnde Bäche zu halten und daran zu lecken; einer der Bäche entsprang einer Quelle am südlichen Ende der Insel, der andere einer am nördlichen. Ein zugegebenermaßen etwas gruseliges Experiment, gleichzeitig war es aber ziemlich interessant fest zu stellen, dass das Wasser des ersten Baches warm, fast schon heiß war und nach Eisen schmeckte; fast schon blutig. Das Wasser aus der nördlichen Quelle war im Gegensatz dazu kalt und so sauer, dass es schon salzig schmeckte. Grund dafür waren die verschiedenen Mineralien, die dem Wasser durch Regen, der diese von dem Gestein abgewaschen und in das Wasser befördert hatte, zugesetzt worden waren. Tja, den „Saft“ eines Vulkans zu kosten, kann ich dann wohl also auch von meiner Bucket-List streichen. Endlich. 😄

Den ganzen Trip über hatte man das Gefühl, auf einem anderen Planeten unterwegs zu sein; weit und breit keine Menschenseele, nur die endlose, blubbernde und rauchende Mondlandschaft. Letztendlich ist es wirklich schwer Worte zu finden, um zu beschreiben, wie es sich anfühlt, auf einem aktiven Vulkan zu stehen, kilometerweit im offenen Ozean und nur wenige Schritte vom tosenden Vulkankrater entfernt – man muss es einfach selbst einmal erlebt haben. Und obwohl ich selbst am Abend noch ziemlich stark husten musste und die Haut an meinen Händen extrem trocken und spröde war und ich mir somit ein mehr oder weniger schönes Souvenir von der Insel wieder mit an Land gebracht hatte, war es kein Fehler gewesen, sich dem Risiko des Vulkans auszusetzen und die Tour auf White Island zu machen. Denn das, was wir dort vor Ort sehen konnten, war einfach einzigartig, besonders und wunderschön.

Leider spielte sich nur wenige Monate später eine Tragödie auf der Insel ab, bei der während der Eruption des Vulkans 20 Menschen ihr Leben verloren. Natürlich gilt den Opfern dieses Desasters und deren Angehörigen mein tiefstes Mitgefühl und ich finde es einfach unheimlich verantwortungslos, die Tourgruppen trotz erhöhter Aktivität des Vulkans auf die Insel fahren zu lassen. Wie hoch die Gefahrenstufe war, als wir White Island besucht haben, weiß ich nicht, aber ich bin mir im Klaren, dass es genau so gut uns hätte treffen können.

„Wir sind nicht Herren der Natur, sondern nur ihr Teil.“ – Richard von Weizsäcker

Trotz all dem möchte ich diesen Tag und das, was wir auf der Insel erlebt haben und sehen konnten, nicht missen und bin sehr dankbar und froh, dieses Naturspektakel gesehen haben zu können, und vor allem, so blöd es auch klingt, lebend wieder zurück gekommen zu sein.

Auf dem Rückweg wurden wir dann sogar noch von einem riesigen Pod Delfinen überrascht, die fast den halben Weg mit uns gemeinsam am Boot entlang schwammen und neugierig aus dem Wasser hüpften und fast schon kleine Kunststückchen machten, was den Tag (an dem wir übrigens mal wieder das größte Glück mit dem Wetter hatten!) einfach nur noch abrundete und mehr als perfekt machte. 😊

Leider trennten sich an diesem Abend nach dem Trip die Wege von Anna und mir und obwohl ich schon etwas traurig darüber war, bin ich noch immer sehr froh, dass wir uns kennengelernt haben und, wenn auch nur einen kleinen, aber sehr schönen und witzigen, Teil der Reise gemeinsam gemacht zu haben. Liebe Grüße an dieser Stelle an dich Anna, falls du das liest. 😄🧡

Am nächsten Morgen machten wir uns dann auf den Weg Richtung East Cape, wo wir in Hicks Bay die Nacht verbringen wollten, um am Morgen darauf den Sonnenaufgang am östlichsten Punkt Neuseelands anzuschauen, der als einer der ersten Orte der Welt die ersten Sonnenstrahlen des neuen Tages abbekommt. Und wie beschwerlich der Weg zum Kap war und wie unsere Reise der Ostküste entlang verlief, erfahrt ihr im nächsten Beitrag. 🤗

Bis dahin,

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