Was das Reisen im Van wirklich ausmacht

Das Vanlife ist schon verdammt romantisch.

Einfach an’s Meer fahren zu können, die Türen zu öffnen und sich die Sonnenstrahlen direkt ins Gesicht scheinen zu lassen. Dazu noch eine leichte Meeresbrise, die einem durch’s Haar fährt, während man gemütlich im Bett liegt und in ein gutes Buch eintaucht.

Das Gefühl, dass man in solchen Momenten spürt, ist wahrscheinlich einer der ausschlaggebenden Gründe, wieso Menschen ihren Job und ihre Wohnung aufgeben und aus ihrem gewohnten Umfeld ausbrechen. Die unendlich vielen Möglichkeiten und die Welt, die einem plötzlich zu Füßen legt, warum man sich dem einfachen Leben hingibt, den gewohnten Komfort hintenran stellt und sich dafür täglich aufopfert. Alles nur für ein bisschen mehr Freiheit.

Logisch, das Vanlife hat auch seine Kehrseiten. Und trotzdem macht es so glücklich. Wieso?

Vanlife – Vorstellung vs. Realität

Es ist kalt. Es regnet. Der Wind pfeift durch den kleinen Spalt im Fenster. Noch dazu gab es schon seit Tagen das selbe zu essen: Haferflocken, Nudeln, Reis. Langsam hat man es satt, ohne Kühlschrank und damit auch ohne Butter, Käse oder Wurst leben zu müssen. Zumindest an den meisten Tagen. Salat, frisches Obst und Kräuter halten sich leider auch nicht ewig. Und Milchpulver mit Wasser kann man auch nicht mit dem Geschmack frischer Milch vergleichen.

Im Fußraum stapeln sich außerdem die Pfandflaschen, man kann ja auch nicht überall Wasser aus dem Hahn trinken. Überall hat man Sand, der einfach immer wieder auftaucht, obwohl der letzte Strandbesuch schon Tage her ist, feuchte Kleidung trocknet nicht richtig und gewaschen werden müsste auch mal wieder, denn die dreckigen Klamotten fangen schon langsam an zu müffeln. Vor allem Sauberkeit ist auf diesem engen Raum das A und O, das weiß man spätestens dann, wenn man einmal vergessen hat, den Müll weg zu bringen und nachts vom beißenden Eiergeruch wach gehalten wird.

Stehen Reparaturen an, darf man öfters auch mal etwas tiefer in den Geldbeutel greifen, oder sich auch mal selbst die Finger dreckig machen. Man lebt minimalistisch, praktisch und einfach; hat so gut wie alles, was man besitzt, immer um sich herum. Platz für ständig neue Klamotten, Schuhe oder Geräte? Fehlanzeige.

Wer frei sein will, muss mit diesen Dingen leben.

Das ist Vanlife.

Was aber auch Vanlife ist, sind warme Sommertage, an denen man morgens zum Strand geht und der Sonne beim Aufgehen über dem Ozean zuschaut. Barfuß durch das feuchte Gras läuft, sich einen Tee macht. Die Natur, die kühle Morgenluft und die Freiheit einfach genießt. Und dann den Motor anlässt. Und einfach los fährt. Die ganze Welt ist dein Spielplatz.

Im Grunde genommen ist diese Art zu leben einfach eine Gegenbewegung zum hektischen, sich ständig verändernden Alltag. Slowtravel statt Sightseeing, Spontanität statt akribischer Planung, Ruhe und Gelassenheit statt Eile und Stress. Man ist achtsamer, lebt umweltbewusster und mehr im Einklang mit sich selbst. Man verliert sich nicht in Dingen, die im Hier und Jetzt einfach nicht relevant sind. Qualitäten, die in unserer heutigen Gesellschaft zur Seltenheit geworden sind. Durchatmen, dem Herzen zu folgen und das zu tun, was man wirklich will. Das macht einfach glücklich. Mich zumindest.

Mir ist und war jedoch auch bewusst, dass dieser Lebensstil, zumindest für mich, einfach auf längere Sicht hin nicht realisierbar ist, sei es aus Geldgründen, den eigenen Pflichten, denen man früher oder später nachgehen muss oder dem Fakt, dass man nicht überall auf der Welt ewig Besucher sein darf. Ich kann es verstehen, wenn jemand nichts damit anfangen kann, jeden Morgen an einem anderen Ort aufzuwachen, kein richtiges Zuhause zu haben und manchmal mehrere Tage lang auf den Luxus einer warmen Dusche verzichten zu müssen. Und trotzdem habe ich es geliebt, 8 Monate lang jeden Tag so gestalten zu können, wie ich es wollte und im knallroten Minivan durch ganz Neuseeland zu touren.

Leider aber endet jede Reise einmal und es wurde irgendwann Zeit, mein Auto zu verkaufen, denn mitnehmen konnte ich es leider nicht. Auch, wenn ich es liebend gern getan hätte.

Es ist soweit: ich muss mich von Betty trennen

Schon viele Tage vor dem Verkauf selbst drehten sich meine Gedanken fast nur noch darum, ob, wie und an wen ich meinen geliebten roten Van weitergeben würde. Zu diesem Zeitpunkt gab es sehr viele, die gerade ihr Auto verkaufen wollten, teilweise zu Spottpreisen, bei denen mir das Herz blutete. Leider kamen aber im Winter weniger Touristen und Backpacker ins Land, als es eben diese nach dem Sommer wieder verließen. Facebookgruppen, Marktplätze und Anzeigenportale im Internet platzten aus allen Nähten, weshalb ich meine Verkaufschancen eher semi-gut bis schlecht einschätzte.

Betty ist aber eben eine ziemliche Perle, sowohl von innen, als auch von außen. Und da „schöne“ Vans, die nicht nur praktisch, sondern auch gemütlich und hübsch eingerichtet sind, auf dem Backpacker-Automarkt eher rar sind, bekam ich bereits wenige Stunden, nachdem ich die Anzeige ins Internet gestellt hatte, Nachrichten von mehreren Interessenten. In die Schrottpresse musste sie somit schon mal nicht.

Irgendwo in dem Wirrwar von lächerlichen Preisangeboten, Nachrichten von Leuten, die das Auto auch nur weiterverkaufen wollten und welchen, die noch nicht einmal im Land waren, versteckte sich die Antwort einer Deutschen, die scheinbar echtes Interesse an dem Van hatte, sich, wie sie selbst darin schrieb „sofort in Betty verliebt“ hatte und sie so bald wie möglich zu einer Testfahrt ausführen wollte.

Also machte ich mich, anders als eigentlich planmäßig die Westküste zu erkunden, auf den direkten Weg zurück nach Auckland und traf die potenzielle Käuferin nur wenige Tage später vor ihrem Hostel, um ihr das Auto vorzustellen.

Und um euch nicht zu langweilen, und nicht noch weiter ins Detail gehen zu müssen, fasse ich diesen Tag einmal kurz zusammen:

Betty vorgestellt, Betty durchgecheckt, Betty verkauft.

Und genau so einfach, wie es klingt, war es auch. Letztendlich musste ich zwar meinen ursprünglichen Preis ein ganzes Stück herabsetzen, da sich während des Safety-Checks in einer Autowerkstatt ein paar kleinere Mängel aufgetan hatten, die natürlich dann auch von der neuen Besitzerin behoben werden mussten; meine Sorgen um den Verkauf waren aber am Ende allesamt unbegründet und ich freute mich wie ein König darüber, meinen Van für einen guten Preis an eine so liebe, vernünftige und kreative Person verkauft zu haben. Denn sie wollte Betty nicht nur erneut komplett reparieren und lackieren lassen, sondern auch innen komplett um- und ausbauen und ihr somit noch ein langes, schönes Leben schenken. Besser geht’s doch nicht.

Bye bye kleiner roter Van!

So musste ich also dabei zusehen, wie 10 Monate Erinnerungen in diesem kleinen roten Van einfach davon fuhren, darin eine neue, glückliche Besitzerin, der all die Abenteuer, die ich bereits erlebt habe, noch bevor standen.

meine Betty in voller Pracht!
mein (super gemütliches!) Bett

meine Klamotten habe ich in Körben im Stauraum unter meinem Bett untergebracht

Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass es nicht schwer war, mein erstes eigenes Auto (zu dem man lustigerweise so eine krasse Verbindung aufbaut), abgeben zu müssen und es davontuckern zu sehen.

den Fahrerbereich habe ich immer versucht, besonders ordentlich zu halten

Auch wenn ich zu Beginn solche Probleme mit dem Auto hatte und jeden Tag eine neue Macke an ihr entdeckte, von der ich beim Kauf nichts wusste, hat sie mich letztendlich über jeden Hügel gebracht, von der südlichsten Spitze bis zum Nordkap, dabei nie den Geist aufgegeben und mir gleichzeitig noch ein gemütliches Zuhause geboten, in dem ich mich wohler gefühlt habe, wie nirgendwo sonst. Ein besseres erstes Auto hätte ich mir wirklich nicht vorstellen können. Bye Betty!

Ich werde deine Beulen und Dellen vermissen!
Von (fast) jedem Ort, an dem ich war, eine Postkarte…

Bis zum nächsten Mal,

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